„Hail! Hail! Rock ’n’ Roll“ von Taylor Hackford

Wir wohnten damals in Clayton, in einer der besten Wohngegenden von St. Louis, wo die Häuser Namen wie Dartmouth und Daish trugen und der einzige Schwarze der sehnsüchtig erwartete Briefträger war. Ausgerechnet hier hatte ein Sohn der Stadt mit Namen Charles Edward Anderson Berry ein Haus kaufen wollen. Die Stadtoberen hatten zwar auch von seinem Ruhm gehört, aber so hautnah wollten sie den schwarzen Mann doch nicht erleben; schließlich war er eben mit einem Lied in den Hitparaden, das nicht bloß „Ding-A-Ling“ hieß, sondern auch genauso unanständig war. Das Haus mußte er sich schon woanders suchen.

Für solche Geschichten liebten wir Chuck Berry. Er war nicht nur das einzige Originalgenie im Rock ’n’ Roll, er fiel auch noch im reiferen Alter unangenehm auf. In der ehemaligen Weltstadt St. Louis hatte Berry den Blues beerbt, von dem Anfang der achtziger Jahre nur mehr ein Aufkleber für Busse geblieben war. Listig unterlegte er seine zweieinhalbminütigen Teenagerdramolets einer Country & Western-Melodie, so daß er als verkleideter Teufel den arglosen weißen Kindern ins Herz fahren konnte.

Als Sohn einer Lehrerin achtete er auf korrekte Aussprache, er wollte nicht nur seine Leute erreichen, sondern alle, alle. Und es funktionierte, zumindest über die Jukebox. Leibhaftig blieb er gefährlich. In seiner Autobiographie erzählt er von einem Auftritt in Knoxville, den er nicht absolvieren durfte, weil die Veranstalter sich von der Stimme einen bleichgesichtigen Hillbilly mit Stetson erwartet hatten. Gesindel wie ihn und seinesgleichen knüpfte man drunten im Süden noch in den Fünfzigern ohne viel juristische Umstände auf, wenn sie vor einer weißen Lady nicht die Augen niederschlugen.

In diesen fünfziger Jahren schrieb Chuck Berry seine realitätsgesättigten Minidramen von Liebesleid, den Freuden des Autofahrens und dem Lebensgefühl zwischen Musicbox und Diner. Er sang über die süße kleine autogrammsüchtige Sechzehnjährige, über seinen hochfrisierten kirschroten ’53er Jidney und über die tödliche Langeweile der Schule, wo einen ständig der Hintermann nervte. Berry pries das Teenagerparadies Amerika, für das keiner, der älter war als 20, eine Aufenthaltsgenehmigung bekam. Die Musik, seine, garantierte die ewige Jugend: „Hail, hail, rock ’n’ roll, deliver me from the days of old!“

Diese Hymnen wurden so populär, daß ihr Autor fast hinter ihnen verschwand; die Beatles und Rolling Stones spielten seine Songs, als wären sie schon Volkslieder. Nur angemessen deshalb, wenn Keith Richards, vorm. Rolling Stones, als Konzertmeister einen Tribut zum 60. Geburtstag des Urvaters organisierte. Jerry Lee Lewis, Little Richard, Bo Diddley, Roy Orbison wurden als Zeugen aufgeboten, um den Ruhm des „Poeta Laureatus der Rock-Bewegung“ (Nik Cohn) zu mehren.

Die Dokumentation von Taylor Hackford zeigt die mühsamen Proben für einen gemeinsamen Auftritt, 5, bei dem Berrys Stücke endlich einmal wiederaufgeführt und nicht wie sonst durch des Meisters Lust am Improvisieren verdorben werden sollten. Eric Clapton, Linda Ronstadt und Julian Lennon wirkten mit an dem Konzert im Fox Theater in St. Louis, fast ein Heimspiel. Als Neunjähriger durfte Berry nicht hinein, um „A Tale of Two Cities“ anzuschauen, jetzt war sein Name draußen in Leuchtbuchstaben angekündigt, wie er es sich selbst im Liede prophezeit hatte; das Wort hatte sich erfüllt.