Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Während national und religiös geladene Gewitterwolken in der Sowjetunion ihre Schatten auch auf die kommende Tausendjahrfeier russisch-ukrainischen Christentums werfen, hat der Papst ein Entspannungssignal gegeben. Als unauffälliger Bote übergab Pater Duprey, der Sekretär des vatikanischen Sekretariats für christliche Einheit, am 18. März dem Patriarchen Pimen in Moskau ein päpstliches Schreiben, das der „Schwesterkirche“ mehr denn je entgegenkommt und „jahrhundertelange Mißverständnisse“ auszuräumen versucht. Erst nachdem Pater Duprey als Antwort des Patriarchats eine Einladung in die Sowjetunion nach Rom zurückbrachte (zwar nicht für den Papst selbst, aber für eine vatikanische Delegation zu den Jubiläumsfeiern im Juni), ließ Johannes Paul II. seine Versöhnungsbotschaft veröffentlichen.

Mehr als vierzig Druckseiten lang bemüht sich der römisch-polnische Pontifex, einer „komplexen Wirklichkeit“, die ihn spürbar persönlich berührt, gerecht zu werden: Den nationalpolitischen und konfessionellen Konflikten, mit denen fast alle geschichtlichen Folgen jener Taufe der Ostslawen im „Kiewer Rus“ verknüpft blieben, trägt der Papst dadurch Rechnung, daß er sich als erstes an die orthodoxen Gläubigen in der Sowjetunion wendet und die katholischen Ukrainer erst nach Ostern in einem zweiten Brief ansprechen will.

Zunächst unterstreicht er „mit allem Nachdruck“, daß damals, als im Jahre 988 der Fürst Wladimir sein Volk taufen ließ, und der neue Glaube „mit Hilfe der slawischen Sprache im Stil der byzantinischen Kirche“ eingeführt wurde, jenes Byzanz „noch in voller Gemeinschaft mit Rom stand“, daß also noch gar keine Kirchenspaltung stattgefunden hatte. Dann aber sei auch im „Kontakt mit den Nachbarvölkern des Westens“ eine eigenständige religiöse Kultur entwickelt worden. Slawisches, Römisches, Orthodoxes und Katholisches möchte der Papst als eine Einheit in der Verschiedenheit betrachten – nicht nur im Sinne herkömmlicher Ökumene, sondern fast mehr noch als menschliche, christlich überwölbte Gemeinsamkeit. Dem Papst geht es vor allem um eine „neue Phase“ des Dialogs, für die er Zeichen setzt.

So bezeugt er nicht nur Respekt gegenüber der orthodoxen Frömmigkeit, ihrer „Treue zum Evangelium auch in mutig ertragenem Leiden bis hin zum Martyrium“, er anerkennt ohne Vorbehalt, daß die orthodoxen Kirchen genauso wie die katholische „den Schatz des apostolischen Glaubens“ grundsätzlich unversehrt bewahrt haben; er bestätigt ihnen auch ihre kirchendisziplinäre Autonomie, die von jeher gelte und „nicht die Folge von Privilegien ist, die die Kirche von Rom gewährt hat“. Auf solcher Basis erhofft sich Johannes Paul II. eine „schrittweise Rückkehr zur Eintracht“, ja er hält es für möglich, daß eine gemeinsame Erinnerung an die tausendjährige Vergangenheit nicht nur religiös „die Stunde der Versöhnung beschleunigen“ könnte.

Mit unverkennbarer Anspielung auf die sowjetische Perestrojka verbindet er mit einer Vereinigung der „orthodoxen und katholischen Erben der Taufe von Kiew“ eine weitergehende Erwartung: „Dies würde vor allem auch einen günstigen Einfluß ausüben auf jenen Entspannungsprozeß im gesellschaftlichen Leben, der bei Menschen, die für friedliches Zusammenleben in der Welt eintreten, große Hoffnungen erweckt.“ Einen Frieden, der sich auf Europas gemeinsames christliches Erbe stützt, hält der Papst jedoch nur dann für echt, wenn er im Rahmen eines Vereinigungsprozesses entstünde, „in dem jedes Volk in Freiheit und Wahrheit die Wege der eigenen Entwicklung selbst wählen kann“.