Zunächst muß der Autorin widersprochen werden: Zitat: „Es gibt Tausende von klugen Büchern über Aufzucht, Pflege, Haltung und Erziehung von Hunden...“ Träfe dies zu, wäre das vorliegende Buch überflüssig. Doch Gudrun Beckmanns Werk ist eine rühmenswerte Ausnahme in der Flut von Büchern über Hunde. Allzu viele Autoren schreiben Unzutreffendes voneinander ab und vermenschlichen den Hund.

Etwa drei bis vier Millionen Hunde gibt es in der Bundesrepublik. jene, die über die „Lawine von Hunden“ wortreich klagen, sollten wissen, daß hierzulande weniger Hunde leben als irgendwo sonst in der sogenannten zivilisierten Welt. In Amerika und Kanada kommt auf jeden vierten Haushalt ein Hund. Zwar liegt diese Anzahl in europäischen Staaten niedriger, aber in der Bundesrepublik erreicht sie ihren Tiefpunkt: hier hat nur jeder zehnte Haushalt einen Hund. Offenbar räumen wir dem ältesten Sozialpartner des Menschen weniger gelassen einen Platz ein als alle unsere Nachbarn, Gelassenheit bedingt Vertrauen, setzt Sicherheit voraus im Umgang miteinander.

Und eben darum geht es Gudrun Beckmann. Sie beschäftigt sich seit eineinhalb Jahrzehnten mit Hunden. Ihr profundes Wissen vermittelt sie so pragmatisch und leicht verständlich, daß auch der völlig Uniformierte stets folgen kann. Hierzu paßt auch, daß am Ende jedes Abschnitts ein Resümee steht. Diese hilfreichen Zusammenfassungen dürften manchem Leser den Einstieg in die Materie und die Nutzung des Buches erleichtern. Leider wird diese jedoch durch eine winzige Drucktype erschwert. Dazu kommen ein vergilbt wirkender Einband, der Grabbeltisch-Assoziationen weckt und kümmerliche Schwarzweißphotos, vom Verlag kühn als Meisterphotos apostrophiert.

Es wäre ein Verlust für die kynologische Literatur, wenn dieses Buch deshalb in den Regalen liegen bliebe. Nur soviel zu seinem Inhalt: In fünf Abschnitten mit jeweils einem halben Dutzend Kapitein wird das Wesentliche über Hunde und den Umgang mit ihnen dargelegt. Das beginnt mit den Vorurteilen gegenüber Hunden. Dabei wird bündig die Frage vieler Laien beantwortet, wie es zu den schaurigen Exzessen kommt, die der Regenbogenpresse Schlagzeilen liefern wie „Hund zerreißt Kind“. Die Autorin weist sine ira et studio nach, daß die Ursachen nahezu immer in gestörtem Verhalten zu suchen sind. Gestörtes Verhalten beim Menschen, der sich entweder über das angeborene Rudelverhalten des Hundes hinwegsetzt, oder mit Tieren konfrontiert wird, die genetisch durch gewissenlose Zuchtauswahl massiv gestört sind und in der Hand von mehr oder weniger Ahnungslosen zu Zeitbomben werden.

Gudrun Beckmann macht auf etwas aufmerksam, das einleuchtend ist, aber kaum praktiziert wird: Niemand sollte sich einen Hund anschaffen, dem er körperlich nicht gewachsen ist. Eine fünfzig Kilo schwere Frau wird einen achtzig Kilo schweren Neufundländer nicht halten können, wenn der partout die Straße überqueren will. Mit einem Zwanzigkilohund (der durchaus ein Respekt einflößender Wächter sein kann – Mittelschnauzer, Irischer Terriet oder ähnliche lassen) wird sie kaum solche Schwierigkeiten haben.

Die Autorin läßt keinen Zweifel daran, daß die Aufzucht und Haltung großer Hunde solide Kenntnisse voraussetzen, die allzu häufig fehlen. Schuld daran sind nicht zuletzt jene Bücher, die unverantwortlich fast alle Hunderassen mit Attributen wie „kinderfreundlich“, „treu“, „gehorsam“, „gutmütig“ und „unproblematisch“ beschreiben. „Wachsam“ und „ablehnend gegenüber Fremden“ wird von manchem Käufer auch gern zur Kenntnis genommen – ohne darüber nachzudenken, wie das dann wohl aussieht, wenn eine Deutsche Dogge sich „ablehnend“ verhält.

Hunde gehören nicht in die Hand oder Obhut von Kindern. Hoch zu loben ist, daß hier einmal ausgesprochen wird, was den vielfältigen emotionalen Beschreibungen vom idyllischen Kind-Hund-Verhältnis so gar nicht entspricht. Ein Kind muß lernen, mit einem Hund umzugehen. Der Hund – falls nicht durch falsche Behandlung neurotisch geworden – ist bereit, sich von Kindern sehr viel gefallen zu lassen: Aber dominieren läßt er sich von den Jungen seines Menschenrudels nicht. Darauf weist er nachdrücklich aber beherrscht hin.