In den großen Buchhandlungen der Fifth Avenue wie Dalton oder Doubleday findet man alles, sogar Reprintausgaben unauffindbarer wissenschaftlicher Werke. Vorausgesetzt, sie sind im Laufe des letzten Monats gedruckt oder nachgedruckt worden. Danach verschwindet alles in den Okkasions- und Ramschbuchläden, und das ist eine andere, geheime Welt, die man in Nebenstraßen und Randvierteln entdecken muß. Unübersehbar ist das Riesenmagazin Strand (828 Broadway), wo man in der Abteilung „Remainders“ neue Bücher zu Billigstpreisen findet. Empfehlenswert sind die Kunstbände. Sodann gibt es dort kilometerweise gebrauchte Bücher. Um alles zu inspizieren, braucht man mehrere Wochen, aber in den niedrigen Regalen am Eingang findet man auch, nur zum Beispiel, die dreizehn Bände der Collected Works of Swedenborg, zu Beginn des Jahrhunderts ins Englische übersetzt, in Leinen gebunden, praktisch neu, für weniger als zwölf Mark pro Band. In der Abteilung „Rare Books“ hat mich ein Nachdruck der Folio-Ausgabe des Speculum Majus von Vinzenz von Beauvais sehr gereizt, kostete bloß ein paar Zehndollarscheine, aber hätte nicht in den Jumbo gepaßt, und am Zoll wäre ich wegen Schmuggels mit Immobilien verhaftet worden.

An der Ecke Ninth Street und Third Avenue sollte man sich nicht durch die alten Krimis im Schaufenster täuschen lassen, sondern hinuntersteigen in die Höhle des Mr. Salomon (das letzte Mal habe ich ihn nicht mehr an der Kasse vorgefunden und erfahren, daß er gestorben ist). Salomon kaufte in der ganzen Welt unvollständige alte Bücher und verkaufte sie seitenweise. „Ich betreibe demokratischen Vandalismus“, sagte er. „Sie können sich die 212 Emblemata von Andrea Alciati in der Ausgabe Tozzi von 1621 nicht leisten? Hier haben Sie eins davon für zwei Dollar, zehn für’n Zwanziger. Hier für zehn Dollar eine Inkunabelseite mit Holzschnitt ...“ Ich habe den Verdacht, daß er gelegentlich auch intakte Bücher vandalisierte. Salomon lebt nicht mehr, aber sein Schatz ist noch da. Wer gute Lungen hat und lange genug in staubigen Schachteln, Schubladen, Mappen kramt, kann sich die Wohnung für bescheidene Summen mit handkolorierten Drucken aus dem achtzehnten Jahrhundert ff. tapezieren – mit botanischen Tafeln, Paraden der Ritterorden. Aber auch bei Argosy (116 East 59th) kann man ein Blatt aus den Physiognomischen Fragmenten von Johann Kaspar Lavater für einen Dollar bekommen.

Im Bookmarket in der 47. Straße West findet man alles über Joyce sowie viele Erstausgaben amerikanischer Lyrik und erzählender Prosa. Aber es gibt dort auch halbneue Bücher über unerwartete Themen. Ich habe für neun Dollar eine Studie über die mystisch-okkulte Inspiration Voltaires gefunden, zum Beweis, daß man wirklich alles beweisen kann. Wenn man Glück hat, trifft man dort Frances Steloff, ein Monument der New Yorker Kultur. Obwohl man ihm nicht mehr als hundert Jahre geben würde, ist er manchmal ein bißchen zerstreut, es kann vorkommen, daß er einen für Henry James hält und freudig begrüßt: „Erinnern sie sich noch an unsere erste Begegnung damals?“ Im Academy Bookstore (16 West 18th) findet man zwischen Kochbüchern, Spionageromanen und Reisebeschreibungen komplette Gesamtausgaben ausländischer Autoren in längst vergriffenen Editionen. Die Amerikaner können ja, wie man weiß, keine Fremdsprachen, und so wird einem schwerlich jemand die Gesammelten Werke von Goethe für den Preis von zwei bis drei Taxifahrten wegschnappen. Wer die gelben Seiten gut durchsieht, wird auch monomanische Buchläden finden – nur Krimis, nur alte Modezeitschriften, nur Judaica, nur Kinderbücher, von den viktorianischen bis zu Tintin. Aber nicht selten ist unter den Thrillern versehentlich eine schöne Ausgabe von Kierkegaards Furcht und Zittern gelandet.

Schließlich besuche man Leo Weitz, 1377 Lexington Avenue. Hat man die erste Begegnung mit einem Typ überstanden, der aus den Seiten von Lovecraft entstiegen scheint, frage man nicht, was die überaus rare Erstausgabe von Harveys De motu cordis kostet, die auf einem Tisch liegt. Man lebt nicht lange genug, um sie bezahlen zu können, und Weitz hat sie nur vorübergehend zum Binden. Er packt den Besucher am Kragen und schleppt ihn eine übelriechende, morsche Treppe hinunter in einen schmuddligen Kellerraum, wo schwarze Jugendliche, die Hollywood für eine Vergewaltigungsszene im Central Park benutzen würde, vermutlich in Ketten gelegt, an der Arbeit sind. Er hat sie abgerichtet, wie die Buchbinder des Ancien régime zu arbeiten: Aus alten Keksschachteln nehmen sie Brandeisen à la Scarlet Letter, und auf Wunsch binden sie ein Buch, dem sie die Insignien des Roi Soleil aufprägen, auch in Menschenhaut. Der Preis hätte allerdings selbst Colbert beunruhigt. Weitz – in ein Gelächter ausbrechend, das Christopher Lee erblassen ließe – zeigt mir eine Hotel-Bibel, die er gerade als Stundenbuch für die Gattin eines Popcorn-Industriellen einbinden läßt.

Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso