Von Andreas Kilb

Wann, wann blühen, wann wann blühen die, hühendiblüh, huhediblu, ja sie, die Septemberrosen? Paul Celan

Damals blühten sie noch. Damals, am 5. 7. 1948, sandte der Dichter B. seinem Verleger „Tausend tausend Dank“ für „Ihr cpl. Paket vom 12. VI.“, das eben, „in die allgemeine Hungersnot“ hinein, angekommen war. Sechs Wochen später, etwas ausführlicher, bedankte sich der Dichter noch einmal „für Ihren Brief vom 13. d. M. und die beiden Gutscheinsendungen –, der eine für Luxus (Café und Thee) und der andere für Ernährung (Nudeln u. Reis) – beides wunderbare Zutaten zu unserer Berliner Kriegslage.“ Der Dichter B. und sein Verleger S. waren nämlich übereingekommen, daß B. das Honorar für einen neuen Lyrikband in Form von „Liebesgabenpaketen“ ausgezahlt werden sollte, was sich in einem solchen Paket außer „Café und Thee, Nudeln u. – Reis“ noch befand, kann man etwa auf dem „Soli-Warenbon No. 180540“ vom 14. 12. 48 nachlesen: „F 1 kg Fett – A 2 1/2 kg Zucker (zwei)“. Zucker und Fett: das war der Preis für ein Jahrhundertwerk. Das Bändchen, das der Arche-Verlag in Zürich auf diese Weise erwarb, hieß „Statische Gedichte“. Der Autor: Gottfried Benn.

Die Lage hat sich gebessert seit damals. Aber ein Vermögen ist mit Lyrik immer noch nicht zu machen. Gedichtbände mit Auflagen von mehr als dreitausend Exemplaren sind eine Seltenheit, Verlustgeschäfte selbst mit kleinsten Stückzahlen dagegen die Regel. Dabei wird seit ein paar Jahren soviel Versdichtung produziert wie selten zuvor. Man könnte meinen, die achtziger Jahre seien ein lyrisches Jahrzehnt – fehlte es nicht an Käufern, das Geschriebene auch zu lesen, und an Kritikern, es zu loben. Was in den Regalen liegt, ergäbe eine bittere Anthologie: Lyrik für Ladenhüter. Den vielen Poeten, die keiner kennt, bleiben ein paar Stipendien, Wettbewerbe, Lesungen – und das Lob im Freundeskreis.

Der Lyrikerin Ulla Hahn erging es anders. Schon bevor ihre ersten Gedichte erschienen, war sie „entdeckt“. Marcel Reich-Ranicki präsentierte sie in einer Buchmessenbeilage der FAZ als Hauptgewinnerin der literarischen Herbst-Lotterie: eine Dichterin, die „die beherzte und entschiedene Hinwendung zum Privaten und also auch zum Intimen, zur Gegenwart und also auch zum Alltag“ endlich geschafft habe. Und mit den Slogans kamen die Preise: Leonce-und-Lena-Preis 1981, Villa-Massimo-Stipendium 1982, das mit 72 000 DM dotierte „Märkische Stipendium“ und der Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 1985, die Roswitha-von-Gandersheim-Gedenkmedaille im folgenden Jahr. Ulla Hahns erster Gedichtband „Herz über Kopf“ erreichte die schwindelerregende Auflage von 35 000 Exemplaren, der Nachfolger „Spielende“ wurde zweiunddreißigtausendmal gedruckt; das Bändchen „Freudenfeuer“ immerhin noch fünfzehntausendmal.

Ulla Hahn ist eine der meistgeehrten, meistverkauften Autorinnen der letzten Jahrzehnte. Das ist kein Zufall und auch kein himmelschreiendes Unrecht. Denn Ulla Hahns Verse bedienen ein Bedürfnis: die Sehnsucht nach dem schönen Gedicht. Nach dem Gedicht, das gerade so rätselhaft ist, daß man es ohne Mühe versteht; gerade so kritisch, daß man sich nicht unmittelbar angegriffen fühlt, gerade so formvollendet, daß man die Brüche in der Form mit einigem Genuß entdecken kann. Wenn in dem griechischen Wort aisthesis immer auch etwas von Sinnenlust steckt, dann huldigen Ulla Hahns ästhetische Produktionen der Libido des gemäßigten Lyrikfreundes: sie sind nicht ganz warm und nicht ganz kalt, weder schick noch schaurig, sie verbinden das Alltägliche mit dem Epochalen, das Ketzerische mit dem Konservativen und halten sich auch im Druckbild an die kleine, auf den ersten Blick überschaubare Form. Sie handeln von Liebe, nicht von amour fou: von Willkommen und Abschied, nicht von Wahnsinn und Agonie; vom Unbehagen am Küchentisch, nicht von den Greueln der Weltgeschichte.

Ulla Hahn ist die taktvolle Bacchantin des Banalen: um die großen lyrischen Themen, die Alpträume des zwanzigsten Jahrhunderts und den Abgesang des Subjekts tänzelt sie so leichtfüßig herum, daß sie niemandem dabei auf die Füße tritt. In ihren Gedichten gerät nichts außer Kontrolle, schlägt kein Gefühl, kein Sprachmuster über die Stränge; alles marschiert in schöner Ordnung zum Strophenende hin, zur Pointe, zum effektvollen Aperçu. Ulla Hahns Verse sind reell: sie bringen, was sie versprechen, auch gleich auf den Tisch. Hier ein tapferes Oxymoron, dort eine glänzende Parodie, einen Nachhall, ein gereimtes Bonmot. Kein lyrisches Talent der jüngsten Zeit hat so wie sie von Anfang an den reifen, mittleren Ton beherrscht, auf den sich die „Altmeister“ und „Könner“ der Branche mittlerweile eingestimmt haben.