Von Martin Alioth

Dublin, im März

Der brutale Mord an zwei britischen Soldaten in Belfast und die Schüsse auf die Trauergemeinde auf dem Milltown-Friedhof zeigen erneut: Republikanische Begräbnisse in Nordirland sind wie geschaffen für Konfrontationen zwischen den Sicherheitskräften und den Trauernden. Die IRA mißbraucht ihre Toten skrupellos für ihre Ziele, während die Polizei in der Vergangenheit durch ihre Präsenz Krawalle provozierte. Diesmal sollte es anders sein. Wohl nicht zuletzt wegen der unruhigen Nächte, die dem Begräbnis der drei IRA-Leute in Belfast vorausgingen, beugte sich die Polizei dem Druck katholischer Politiker und Geistlicher und hielt sich im Hintergrund. Auf dem Milltown-Friedhof in West-Belfast, wo die IRA ihre Toten zu bestatten pflegt, war kein einziger Beamter. Diese Sicherheitslücke erlaubte es dem 33jährigen Michael Stone aus dem Osten der Stadt, die Trauergemeinde am vergangenen Mittwoch mit Handgranaten und Pistolenschüssen zu überfallen. Drei junge Männer starben, als sie den Attentäter verfolgten. Einer der Toten, Kevin Brady, war ebenfalls Mitglied der IRA. Stone soll den Anschlag auf eigene Rechnung geplant haben; die Waffen dafür erhielt er dem Vernehmen nach von der verbotenen UVF.

Beim Begräbnis von Kevin Brady am vergangenen Samstag gab es erneut keinen Polizeikordon entlang der Straßen von West-Belfast. Als der silbergraue VW-Passat mit zwei britischen Soldaten in Zivil sich mit hoher Geschwindigkeit dem Leichenzug näherte und rückwärts fahrend, laut hupend auf den Sarg zuhielt, glaubten viele, es handle sich um einen erneuten Anschlag. Die beiden jungen Männer wurden aus dem Wagen gezerrt, geschlagen und dann in einen nahen Park geschleppt, wo sie erneut brutal mißhandelt wurden. Die vermutlich bereits bewußtlosen Soldaten wurden daraufhin in einem Taxi weggebracht, ausgezogen und erschossen. Die IRA behauptete anschließend, sie sei für die „Exekution“ verantwortlich und beschuldigte die Soldaten, Mitglieder der britischen Anti-Terror-Truppe SAS zu sein.

Die britische Armee kann nicht erklären, was die beiden Korporale mitten in West-Belfast zu tun hatten. Für ihre Reiseroute zwischen zwei Auftragsorten hätten sie die sichere Autobahn benutzen können. Auch beim Anschlag in Milltown bleiben offene Fragen: Weshalb griffen zwei bewaffnete Verkehrspolizisten, die sich in nächster Nähe des fliehenden Attentäters befanden, nicht ein, sondern fuhren weg? Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben die politische Atmosphäre derart vergiftet, daß selbst gemäßigte Nordiren mittlerweile bereit sind, den wildesten Spekulationen zu glauben.

Die Zyniker haben recht behalten. Die IRA-Bombe gegen protestantische Rentner in Enniskillen brachte nicht den erhofften Wendepunkt im nordirischen Bürgerkrieg. Verhandlungen in bislang undenkbaren Konstellationen lagen damals in der Luft, alle warteten gespannt auf den ersten Schritt. Wer jetzt noch wartet, ist ein Phantast.

Weniger als ein halbes Jahr nach Enniskillen sind die Straßen Nordirlands schwarz von Leuten, die den Toten der IRA das letzte Geleit geben. Die nordirische Polizei überläßt die Sicherung des katholischen West-Belfast der IRA. Die ungeschriebenen Regeln des unerklärten Krieges gelten nicht mehr. Friedhöfe werden zum Schlachtfeld und Leichenzüge massakrieren britische Soldaten.