Die Nachbarn chemischer Reinigungen sollen endlich vor dem tückischen Lösungsmittel Per geschützt werden

Von Dirk Kurbjuweit

Weil ihr Kind am Tag eins nach Tschernobyl geboren war, wollten Christa und Karlheinz Goetsch aus Hamburg besonders vorsichtig sein. Sie legten Vorräte an, vor allem mit Trockenmilchpulver und Butter. Die Fenster blieben so lange wie möglich geschlossen. Die besorgten Eltern unternahmen, was möglich war, um sich und ihr Baby vor Strahlen zu schützen.

Nun läßt sie der Gedanke nicht los, vielleicht doch, in bester Absicht, alles falsch gemacht zu haben. Aber Christa und Karlheinz Goetsch dachten ja nicht im Traum daran, daß neben den Strahlen aus dem fernen Tschernobyl auch die chemische Reinigung im Erdgeschoß ihre Gesundheit bedroht. Jahrelang war von dort das Lösungsmittel Perchlorethylen in ihre Wohnung gedrungen. Und was die Strahlen fernhalten sollte, machte es diesem Gift leicht, sich in der Wohnung einzunisten: Gerade in den Vorräten sammelte sich eine gefährliche Konzentration an.

Unter den Giften, die in den vergangenen Jahren für Unruhe gesorgt haben, gilt Perchlorethylen, kurz Per genannt, als besonders tückisch. Denn es bedroht die Menschen dort, wo sie sich sonst sicher und geborgen fühlen: in ihrer Wohnung. So sind es vorrangig die Nachbarn chemischer Reinigungen, die sich zur Wehr setzen, obwohl das Risiko für die Angestellten noch größer ist.

Verbündete haben sie bei manchen Belegschaften metallbearbeitender Betriebe, wo ebenfalls mit Perchlorethylen gereinigt wird. „Per macht sauber, aber krank“, sagen die Gegner, die nun seit einem Jahr – so lange ist das Problem in der Öffentlichkeit bekannt – mit behäbigen Bürokraten und passiven Politikern streiten.

Chemische Reinigungen verwenden, statt Wasser und Waschpulver, jährlich 25 000 Tonnen Perchlorethylen, weil es Fett besonders gut herauslöst und die Textilien schont. Das flüssige Per verflüchtigt sich rasch und hat die unheimliche Eigenschaft, durch Wände und Decken zu kriechen. So steigt es mit der aufgewärmten Luft aus den Reinigungen in die Wohnungen darüber, wo es durch die Räume zirkuliert oder sich eine Heimat sucht; am liebsten fetthaltige Speisen wie Butter, Sahnetorte, Speck oder Käse. Dort hält sich die Chemikalie beharrlich und meist unbemerkt; nur bei sehr hoher Konzentration in der Luft ist sie mit der Nase aufzuspüren. Über Atemluft und Speisen greift sie die Menschen an.