Der irakisch-iranische Konflikt weitet sich aus: Im Tankerkrieg starben seit dem Wochenende 53 Seeleute, im Städtekrieg forderten Raketenangriffe zahllose Opfer – und an der nördlichen Front soll Bagdad nach iranischen Offensiven fünftausend Kurden mit Giftgasbomben getötet haben.

Neue Gefechte entbrannten, nachdem den Persern vergangene Woche im Norden der über tausend Kilometer langen Landfront spektakuläre Vorstöße gelungen waren. Zusammen mit kurdischen Rebellen drang die iranische Armee tief in die irakische Nordost-Provinz Suleimaniyah ein. Dabei, so Teheran, seien 5500 irakische Soldaten getötet oder verwundet, weitere 2050 gefangengenommen worden. Bagdad gestand zu, daß die kurdischen Städte Halabja, Kholmar und Dojaila vergangenen Donnerstag aufgegeben wurden.

Einen Tag später holte die irakische Luftwaffe zum Gegenschlag aus: Bei massiven Angriffen auf Halabja starben nach kurdischer und iranischer Darstellung fünftausend Menschen, viertausend seien verletzt worden. Revolutionsführer Chomeini warf dem Irak vor, „sein eigenes Volk mit Chemie bombardiert zu haben“. Über siebzig Prozent der Giftgasopfer seien Frauen und Kinder. Kurdische Gruppen baten das Rote Kreuz um Hilfe und forderten internationale Organisationen auf, im Kampfgebiet den Einsatz von Chemiewaffen, der gegen die Genfer Konvention verstößt, zu untersuchen.

Teherans jüngste Offensive lenkte das Augenmerk auf das 16-Millionen-Volk der Kurden im Länderviereck zwischen Türkei, Iran, Irak und Syrien. Unterschiedliche kurdische Gruppen verbanden sich in der Vergangenheit immer wieder mit verschiedenen Regierungen, um so ihrem Ziel eines eigenen, unabhängigen Staates näherzukommen. Zeitweilig auch von Washington unterstützt, scheiterten diese Versuche jedoch stets an wechselnden Absprachen der Machthaber in Ankara, Teheran und Bagdad. Seit zwei Jahren gelingt es nun dem Iran, sich mit den beiden stärksten kurdischen Organisationen, der Patriotischen Union und der Demokratischen Partei, auf gemeinsame militärische Aktionen gegen den Irak zu verständigen. Beobachter bezweifeln freilich, daß Teheran nach Kriegsende eine weitergehende Unabhängigkeit der Kurden dulden würde.

Die iranischen Erfolge im kurdischen Bergland bedrohen langfristig auch die Ölfelder nahe Kirkuk, eine wichtige Finanzquelle des Irak. Staatschef Hussein sieht sich nun gezwungen, weitere Teile seiner Armee von der Südfront bei Basra in den Norden abzuziehen. Zudem versucht Bagdad, die iranische Überlegenheit am Boden durch die eigene Luftübermacht auszugleichen. So flog der Irak verstärkt Angriffe gegen die iranische Ölverladeinsel Kharg. Dabei wurden zwei von Teheran gecharterte Tanker in Brand geschossen: Auf der schwedischen „Sanandaj“ starben 25 der 29 Besatzungsmitglieder, auf der norwegischen „Avaj“ kamen alle 26 Seeleute ums Leben. Bei den Attacken irakischer Kampfflugzeuge wurden zudem zahlreiche iranische Arbeiter auf der Ölplattform getötet. Als Reaktion auf diese bislang schwersten Angriffe im vierjährigen Tankerkrieg beschossen iranische Kanonenboote die norwegische „Havglimi“ – dabei wurden erneut zwei Seeleute getötet.

Bagdad beantwortete Teherans Nord-Offensive zudem mit Luftangriffen auf iranische Wohnviertel: Im Städtekrieg, unter dem vor allem die Zivilbevölkerungen leiden, verfügt der Irak über das eindeutig bessere Kriegsgerät. Teheran meldete am Dienstag, in den letzten drei Wochen seien über sechshundert Iraner bei Raketen- und Bombenangriffen umgekommen. Ajatollah Chomeini rief sein Volk auf, den Irak „bis zum Endsieg“ zu bekämpfen. fcw