Die Wiener Staatsoper schlittert derzeit von einer Krise in die andere. Seit die Direktoren Claus Helmut Drese und Claudio Abbado wegen finanzieller Restriktionen nicht mehr wissen, wie sie mit dem verbliebenen Restbudget ihre Projekte verwirklichen können, muß das Repertoire des Hauses einschneidend reduziert werden. Der Spielplan stellt in dieser Saison nur mehr ein Skelett dessen dar, was in der Vergangenheit als lebendiger Beweis sogenannter wienerischer Operntradition angesehen werden durfte.

Die jüngste Neuproduktion, Mozarts „Zauberflöte“ unter der musikalischen Leitung Nikolaus Harnoncourts, von Otto Schenk inszeniert, enervierte die Staatsopernhabitues dermaßen, daß sie den Dirigenten bereits vor Beginn des zweiten Aktes mit einem Buh-Konzert empfingen, dem nur wenige Bravo-Rufe entgegenwirken wollten. Nicht nur, daß ausgerechnet für dieses Werk, das so unverkennbar Frucht wienerischer Lokalposse ist, ein ganz und gar „fremdländisches“ Ensemble engagiert wurde und besonders Gewissenhafte in den ausgiebigen Dialogen erst gegen halb zehn Uhr abends die ersten bodenständigen Laute vernommen haben wollen, war auch noch Nikolaus Harnoncourt darangegangen, den gewohnten „Zauberflöten“-Klängen den Garaus zu. machen. Daß die Philharmoniker „ihren“ Mozart im kleinen Finger haben, nützte ihnen diesmal wenig. Sie mußten auftragsgemäß nahezu alle Spielkultur vergessen, die ihnen und dem Publikum bisher hoch und heilig war, und hatten sich Harnoncourts Diktat willenlos zu beugen. Beim „Idomeneo“ im Vorjahr hatte das noch beinahe ohne Probleme geklappt. Ausgerechnet bei der „Zauberflöte“ aber, die in diesem Haus wenigstens zwölfmal im Jahr zu hören ist, hat es Harnoncourt nun unternommen, jedes altgewohnte Tempo zu verzerren und den ebenso tradierten philharmonischen Klang seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen anzupassen. Plötzlich wird knallhart zugepackt, wenn forte in der Partitur steht, es tönt rauh und hin und wieder penetrant näselnd aus dem Orchestergraben. Das weiche, sonore Wiener Mozarttimbre hat ausgedient. Und was das Ohr der passionierten Opernfreunde am meisten beleidigt: Es stimmen die Tempi überhaupt nicht mehr mit jenen überein, in denen all die Jahre sämtliche Publikumslieblinge, von Anton Dermota und Fritz Wunderlich bis zu Peter Schreier und Francisco Araiza, ihre Arien und Ensembles gesungen haben.

Harnoncourt hat wie über alles, was er dirigiert, auch über die „Zauberflöte“, lange nachgedacht. Das bekommen die Wiener jetzt zu hören. Nur: grau ist nicht mehr nur die Theorie; die beabsichtigte grundlegende, historisierende Auffrischung des Klangbildes, die im Prinzip erfreulich wäre und allen Protesten zum Trotz für eine Verlebendigung des Opernbetriebes sorgen könnte, hat in der Praxis zu einem der undramatischsten und langweiligsten Opernabende geführt, die in den letzten Jahren zu erleben waren. Spätestens bei der zerdehnten Bildnisarie des Tamino mußten im Zuhörer Zweifel darüber aufsteigen, ob das Streben nach historischer Wahrhaftigkeit einen Dirigenten dazu berechtigen kann, einem wackeren Tenor konsequent die Luft ausgehen zu lassen. Gewiß, das Sängerensemble, das Harnoncourt/Drese/Abbado dafür ausersehen haben, bis 1991 die Geschicke der „Zauberflöte“ in Wien zu bestimmen, ist nicht von erster Güte; vielleicht hätte eine prominentere Besetzung die geforderten Strapazen besser bestanden – überzeugend wären Harnoncourts Extremwerte wohl immer noch nicht ausgefallen. Nur der selbstlose Totaleinsatz der Philharmoniker für die Sache, die hörbar nicht die ihre ist, beeindruckte bei dieser Premiere.

Von den Sängern läßt sich dergleichen Lobenswertes kaum berichten. Nur Matti Salminen war, wie früher schon, ein Sarastro mit Orgelton-Tiefe. Hermann Prey ist ins Kostüm des Sprechers geschlüpft und trägt dessen Weisheiten salbungsvoll vor. Heinz Zednik kriecht wie eh und je als opportunistischer Monostatos vor verschiedenen Herrschaften und sorgt mit krähender Stimme auch für dessen grandiose musikalische Charakterisierung. Der Rest der Besetzung, also deren größter und wichtigster Teil, könnte jedoch direkt von irgendeinem Stadttheater angereist sein und füllt mit zum Teil sogar mangelhaft ausgebildten Stimmen kaum das große Haus. Vollständig unverständlich schien dem Publikum die Besetzung des gefiederten Sonderlings Papageno mit Mikael Melbye. Der Däne mit der unpersönlichen, aber angenehmen Stimme, spricht zwar blendend Deutsch, hat diese Sprache aber nördlich von Bayern erlernt, entspricht also keineswegs dem üblichen Klischee vom wienerischen Kasperl (ein solcher war für den Papageno hierzulande aber aufgeboten, seit Textdichter Emanuel Schikaneder die Rolle unter Mozarts Leitung kreierte) – Mikael Melbye muß zwangsläufig den Wortwitz zugunsten von Purzelbäumen und anderen artistischen Einlagen zurückstellen. Eva Lind, der jungen Papagena, war es vorbehalten, die einzigen originalen Dialektworte abzuliefern, die in dieser Aufführung gesprochen wurden. Sie tat das, wie um alles wett zu machen, aufs ordinärste. In den schmutzig-bunten, blumenumrankten Billig-Märchenbühnenbildern von Jannis Kokkos zerfleddert die Handlung, ersetzt Klamauk jeden Versuch einer schlüssigen Aufbereitung. Wilhelm Sinkovicz