Ennio Morricones Filmmusik: Musik über Adjektive – Western, die man hört

Von Konrad Heidkamp

Als Henry Fonda in dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ in eine Bar gehen sollte und keine Begleitmusik gespielt wurde, wandte er sich an Sergio Leone: „Wie, legen wir hier keine Musik auf?“ Und der antwortete, das sei hier nicht nötig. Henry Fonda: „Doch, für mich ist es notwendig, denn wenn die Musik spielt, laufe ich anders.“

Man läuft anders, wenn man die Musik von Ennio Morricone hört. Es ist wie in der Kindheit, als man mit dem imaginären Schulterhalfter unterm Arm und den realen Träumen im Kopf auf der Straße dem Mann im grauen Anzug folgte und niemand wußte, daß man in Wirklichkeit ein Geheimagent war, Ennio Morricone komponiert Musik für die großen, vergessenen Gefühle, denen man vergeblich hinterherläuft. Man bewegt sich langsamer, man hört sich selbst zu, wenn man spricht, man sieht sich das Whiskeyglas behutsam auf der Glasplatte absetzen, man ist sein eigenes Publikum – wie im Film. Risikolos im Dunkel. Für Cineasten: mit wehendem Mantel Charles Bronson entgegen, in den Armen von Robert de Niro, als Copkiller mit dem Rasiermesser wartend.

Man muß die Filme nicht kennen, für die Morricone seine Musik komponiert hat, um die Gefühle zu ahnen, die darin verborgen sind. Vielleicht entstehen bei einigen die berühmten Bilder im Kopf, ich war da immer skeptisch. Programmierte Assoziationen in Form von springenden Forellen, einsamen Straßen, keuchenden Lokomotiven oder schweren Wolgaschiffen – Morricone schreibt keine Programm-Musik, sondern Musik über Adjektive. Nicht was passiert, ist wichtig, sondern wie es geschieht.

Jeder kennt das Pfeifen aus „Für eine Handvoll Dollar“, auch wenn er den Film nie gesehen hat, die Mundharmonika aus „Spiel mir das Lied vom Tode“, die Panflöte aus „Es war einmal in Amerika“. Meistens sind es Western unter der Regie von Sergio Leone, die Ennio Morricone bekannt gemacht haben. Wenn man die Titel auf dem jetzt veröffentlichten Doppelalbum „Film Music 1966–1987“ mit Melodien Morricones liest, überwiegen andere Genres: „Der Clan der Sizilianer“, „Die Schlacht um Algier“, „Sacco und Vanzetti“, „Trio Infernal“, „The Mission“, „Die Tragödie eines lächerlichen Mannes“, „Angst über der Stadt“ – es bleiben Western, die man hört.

Morricone verwendet selten Versatzstücke, die eindeutig einem bestimmten Ort oder einer Musikkultur zuzuweisen sind. Die Duane-Eddy-Gitarre wird gegen Barocktrompeten gesetzt, die spanische Gitarre mit schweren Bläser-Riffs unterlegt, die himmlischen Stimmen werden vom elektrischen Baß zergliedert, die Zitate sind nicht inhaltlich, sondern atmosphärisch. Vergißt man die Titel der Filme, verschwinden die vorgefertigten Bilder im Kopf. Es ist immer nur das Gefühl, allein in die Weite eines Raumes vorzustoßen. Am Ende wartet der Tod oder die aufgehende Sonne.