Das niedrige Bildungsniveau im Revier blockierte lange Zeit den Strukturwandel

Von Heinz-Günter Kemmer

Die Krise des Ruhrgebiets war 1970 noch weit von ihrem Kulminationspunkt entfernt. Aber schon damals erkannte der Bochumer Soziologieprofessor Wilhelm Landwehrmann, was ihrer Überwindung im Wege stand: „Für eine grundlegende zukunftssichernde Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Reviers durch eine stärkere Ansiedlung von Wachstumsbranchen dürfte die sprunghafte Verbesserung der Bildung eine unabdingbare Voraussetzung sein.“

Der Wissenschaftler an der noch jungen Ruhr-Universität in Bochum, sie nahm erst 1965 den Lehrbetrieb auf, hatte im Auftrag des damaligen Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk – heute Kommunalverband (KVR) – herausgefunden: „Im Revier liegt nicht nur der Anteil des tertiären Sektors niedrig, sondern auch das Qualifikationsniveau. Dieser Rückstand wird noch dadurch verstärkt, daß die im Revier besonders stark vertretenen Branchen, der Bergbau und die Stahlindustrie, durch ein niedriges Qualifikationsniveau gekennzeichnet sind.“

Den Bewohnern des Reviers sagte Landwehrmann damit nichts Neues. Sie wußten seit langem, daß es in den Zechen und auf den Hütten mehr um Muskeln als um Hirn ging, daß die sogenannte Knochenarbeit dominierte. Und offenbar fanden sie das ganz normal, waren damit zufrieden. Dafür spricht das Ergebnis einer Befragung, die Landwehrmann im September 1968 durchführen ließ. Dabei wurden Bildungsstand und Bildungszufriedenheit miteinander verglichen – das Ergebnis war erstaunlich. In zwei Dortmunder Stadtbezirken – einem für die besseren Leute und einem im Vorort Eving, um die inzwischen stillgelegte Zeche Minister Stein herum – wurden krasse Diskrepanzen im Bildungsniveau ermittelt, aber keine Unterschiede in der Zufriedenheit. Während von den „gebildeten“ Leuten im Süden der Stadt siebzehn Prozent mit ihrer Bildung unzufrieden waren, lag der Anteil in Eving um gerade einen Prozentpunkt höher.

Die Bewohner des Bergarbeitervororts waren wohl deshalb mit ihrer Bildung zufrieden, weil sie für ihren Broterwerb völlig ausreichte und ihnen – für ihre Arbeiterverhältnisse – sogar überdurchschnittliche Einkommen sicherte. Denn knapp zwanzig Jahre nach Landwehrmann stellte wieder ein Bochumer Wissenschaftler fest: „In diesen alten Betrieben wurde aufgrund der Belastungen in der Vergangenheit sehr stark gesundheitsgefährdender Einsatz bezahlt.“

Erich Staudt, Inhaber des Lehrstuhls für Arbeitsökonomie, stellt weiter fest: „Alle diese Zulagen am Hochhofen, im Schwerstarbeitsbereich, im Nachtschichtbetrieb führten dazu, daß man ein sehr hohes Lohnniveau erreicht hatte.“