Von Freddie Röckenhaus

Ein Auftritt, von dem Manager der Tonträger-Industrie manchmal alpträumen: Der firmeneigene Musiker auf irgendeiner Konzertbühne, und plötzlich, zwischen zwei Stücken, legt er los, über den schlechten Vertrieb seiner Schallplatten zu räsonieren, es gipfelt in der Empfehlung an das ohnehin längst in Piratenstimmung versetzte Publikum: „Nehmt das Lied aus dem Radio auf – die Plattenfirma kriegt es sowieso nicht geregelt.“ Phillip Boa in seiner Lieblingsrolle als Robin Hood der Unterhaltungsindustrie. Auch wenn er jetzt selbst ein Teil von ihr ist – aber auf den Charme der Manufaktur will er nicht verzichten.

In der 6. Woche 1988 erscheint die Manufaktur zum erstenmal in der Liste der bestverkauften Langspielplatten. „Copperfield“, das erste Industrie-Produkt von Phillip Boa & the Voodoo Club „stieg ein auf Rang 53“, wie die Branche vermerkt. Nicht so vehement wie zugleich der Schnulzen-Rocker Peter Maffay („von Null auf Drei“), aber immerhin. 25 000 verkaufte Platten in den ersten drei Wochen, das ist für die sperrige Boa-Musik aus der Nachbarschaft „Einstürzender Neubauten“ so wie Baudrillard auf der Spiegel-Bestsellerliste oder Immendorf als „Original und Fälschung“ in Hör Zu.

„Für die“, sagt Phillip Boa, etwas ungelenk und spröde wie immer, und meint seine Plattenfirma, „sind wir auch ein politischer deal – die wissen genau, daß sich mindestens ein Drittel der Käufer die „Aristocracie“-Platte nur zum Hinstellen gekauft haben. So wie man sich den Spiegel auffällig hinlegt, wenn man ein gewisses Niveau beweisen will.“

„Aristocracie“, der Vorgänger und Eisbrecher im Szene-Milieu, in dem es normalerweise schick ist, wie der Geschäftsführer einer kleinen „Independent“-Firma beobachtet hat, „nur Platten zu kaufen, die von wenigen gekauft werden“, „Aristocracie“ also hatte schon diesen Mehrwert-Effekt in der intellektuellen Post-Punk-Szene erlangt. Boa und seine Sängerin und Lebensgefährtin Pia Lunda hattten ihre Kreuzung aus Kinderliedern, Designer-Punk und Esoterik-Phantasmagorien bis dahin mit ihrer Wohnbüro-Firma „Constrictor“ ganz allein komponiert, aufgenommen, gepreßt, das Plattencover entworfen, drucken lassen, PR-Arbeit gemacht und selbst verkauft. Bei „Aristocracie“ gelang das der Pop-Manufaktur mit der künstlerischen Realisierung einer Lebenshaltung erstaunlicherweise 20 000 mal – als die Musik und das Image-Konzept zum Soundtrack der neuen Posen der Leere und Einsilbigkeit wurden, für neue Introvertiertheit und Selbstverliebtheit, für die immer noch mit Vorliebe schwarz gekleideten Narzißten und Neo-Exis, für Misanthropen ebenso wie für New-Age-Liebäugler. Für alle mit diffusen Kunst-Ambitionen und der großen Angst vor kleinen Gefühlen, Leidenschaft und Banalität.

„Wiedersehen“, schnauzt Boa auch jetzt noch mal ins Telephon, mit kurzem „i“ und Doppel-„d“, daß es sich anhört, als hätte er „Arschloch“ gesagt und knallt, sonst eher der nette Schüchterne mit der Statur eines Möbelpackers, den Hörer auf die Gabel. Der so Abgeblitzte hätte Boa und den Voodoo Club für ein Hamburger Zeitgeist-Blatt als das nächste große Ding aus’m Kohlenpott photographieren sollen. „Ich sag: gerne und jederzeit, nur bitte nicht in einem Photostudio. Und der sagt: Wo ich euch photographiere, das müßt ihr schon mir überlassen. Was bildet sich das Arschloch ein? Daß wir uns ausgerechnet für ihn zum Affen machen?“

Für die Szene-Blätter sind Phillip Boa & the Voodoo Club aus Dortmund gerade wegen solcher Haltung nicht erst seit „Aristocracie“ und „Copperfield“ die Ute Lempers des subversiven Pops. „Der Mann, der sich selbst erfand“, nannte ihn unlängst das Ruhrgebiets-Magazin Marabo, um dann die Theorie zu entwickeln, Boas heutige Medien-Identität sei eine Mischung aus „Hype“ (dieser clever-übertriebenen Selbstreklame englischer Prägung), schizophrener Selbstinszenierung und dem autodidaktischen Erlernen eines Popstar-Daseins, das es so im Ruhrpott mangels Milieus eigentlich gar nicht geben dürfe. Mit dem Jetzthelfe-ich-mir-selbst-Pop-Projekt von Boa und Lunda befaßten sich (strategisch beabsichtigt) zu allererst die sonst eher unterkühlten britischen Musikblätter New Musical Express, Melody Maker oder Sounds. Die Rezensionsexemplare mit gleichermaßen skurriler Adresse und Musik machten die gleich serienweise zu „Singles of the Week“, zur „neuen Dimension“ der Popmusik, „zum Poltergeist des Rock“. Selbst mehrseitige Geschichten ließen die britischen Konsumenten zwar erwartungsgemäß kalt, beeindruckten aber auf dem Wege des Lob-Re-Imports die deutsche Szene.