Von Bernhard Wördehoff

Vor 200 Jahren begann in Gotha der Siegeszug eines Buches, das es in knapp einem Vierteljahrhundert „angeblich auf die Bestsellerhöhe von einer Million Bände“ bringen soll-, te. So schreibt mit zweifelndem Unterton Hans-Ulrich Wehler in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“. Doch das „Noth- und Hülfs-Büchlein oder lehrreiche Freuden- und Trauergeschichten der Einwohner zu Mildheim“ war jahrzehntelang in jedem deutschen Bauernhause unentbehrlich: „Wie viele Gemüter haben sich an dem Walten des edlen Herrn von Mildheim erquickt, wie viele junge aufstrebende Acker- und Hauswirte haben sich hier Regel und Rat geholt!“ schrieb noch 1879 Hermann Hettner in seiner „Geschichte der deutschen Literatur im achtzehnten Jahrhundert“. Das Buch des Journalisten und Lehrers Rudolf Zacharias Becker gilt Fachleuten, denn auch als das hervorragendste Werk der Erziehungs- und Volksliteratur im Geiste der Aufklärung.

Im mannigfaltig verschachtelten Inhalt wechseln munter erzählte Geschichten aus dem Alltag mit Reisebeschreibungen und vor allem höchst anschaulich dargelegten praktischen Ratschlägen. Wie spannend das verzahnt ist, zeigt bereits die Exposition. Die einleitenden behaglichen Sätze im ersten der beiden Bände mit zusammen über 800 Seiten, lassen das dramatische Furioso schon im zweiten Kapitel, nicht vermuten:

„Ein reicher Edelmann, Herr von Mildheim genannt, welcher in seiner Jugend unter den Preussen bis zum Lieutenant gedient und den Abschied als Hauptmann erhalten hatte, lebte auf seinem schönen Rittergute, welches auch Mildheim hieß.“ Doch er lebt nicht mehr lange. Den sonnigen Auffassungen des Pfarrers Wohlgemuth (er wird noch eine bedeutende Rolle im Buche wahrnehmen) hält der Gutsherr den Prediger Salomo entgegen zum Beweise, „daß es ein elend jämmerlich Ding sey um aller Menschen Leben“. Er selber darf auch Podagras wegen „von zehnerley Essen kaum Eins genießen, keinen Wein trinken und mußte oft Wochen lang das Bett hüten“. Witwer ist er schon zum zweitenmal: „Die zweyte Frau war während ihrer ersten Schwangerschaft plötzlich gestorben, als sie von einem Tanze nach Hause fuhr.“ Kein Wunder, daß er ihr bald ins Familiengrab folgen wird – wegen der „beständigen Traurigkeit des Gemüths“, aber auch wegen „Podagra, welches in den Leib zurückschlug, da er einmahl, wider die Vorschrift des Arztes, in feuchter Witterung auf die Jagd gegangen war.“

Der Sohn (aus erster Ehe) und Erbe, von der Universität ans Sterbebett geeilt, muß im zweiten Kapitel neben dem Tod des Vaters, eine andere schreckliche Erfahrung machen: Beim öffnen der Familiengruft zwecks Beisetzung des toten Gutsherrn stellen Küster und Totengräber entsetzt fest, daß die selige gnädige Frau vor einem halben Jahr lebendig beigesetzt und „im hochadeligen Erbbegräbnis“ von einer Frühgeburt heimgesucht worden war.

Arno Schmidt hat einmal die Scheintoten die Geißel der Literatur jener Zeit genannt. Doch die Furcht, lebendig begraben zu werden, muß wohl handfeste Ursachen gehabt haben, so daß Becker sein Buch nicht nur aus dramaturgischen Gründen mit solch schauerlichem Ereignis beginnen ließ. „Durch Schaden wird man klug“, ist denn auch praxisbezogen das dritte Kapitel überschrieben. Da trifft es sich passend, daß der junge Herr von der Universität „ein gar besonderes Buch“ mitgebracht hat, eben jenes „Noth- und Hülfs-Büchlein“: „Dieses suchte er hervor, um zu sehen, ob nicht auch darin stünde, wie man es verhindern solle, daß die Gestorbenen nicht eher begraben würden, bis man sicher sey, daß sie im Grabe nicht wieder aufwachen könnten? Und sie fanden nicht allein dieses in dem Noth- und Hülfs-Büchlein, sondern auch viel mehr Dinge, welche, wie der Herr Pfarrer meynte, seinen Zuhörern sehr nützlich seyn könnten.“

Gern würden die Bauern das Buch mit nach Hause nehmen: „Es stünde wohl auch etwas darin, das sie ihren Weibern auf den Abend vorlesen könnten. Der Herr Pfarrer aber sagte: Er dürfe dieses ohne Wissen des gnädigen Herrn nicht thun. Jedoch wolle er die Capitel, die er ihnen vorgelesen hätte, insbesondere die Vorschrift wegen des Begrabens der Verstorbnen, durch den Herrn Schulmeister abschreiben lassen, und von dessen Abschrift sollten sie die größten Schulknaben wieder abschreiben, und jeder Hausvater, der Geschriebenes lesen könne, solle alsbald eine solche Abschrift bekommen. Dieses war den Leuten recht, und sie giengen vergnügt nach Hause.“ So also geht es realiter im ideal ersonnenen Mildheim des Jahres 1788 zu, und wir erfahren damit, worin die Not des Alltags unserer Altvorderen vor 200 Jahren bestand, und mit welcher Hülfe sie ihrer Herr werden konnten. Da klingt manches sogar ganz gegenwärtig.