Depeche Mode: „Music for the Masses“

„Musik für die Massen“ macht das britische Quartett seit sechs Jahren, und hat vor allem bei Teenage-Girls seine Fans gefunden. Dabei sind die Texte alles andere als Jungmädchen-Lyrik. Homoerotische Allegorien mischen sich mit Drogen-Euphorie und sadomasochistischen Anzüglichkeiten zu einer schwarzen Romantik voller Begierde und Reue. Autor Martin Gore vermag solche düsteren Obsessionen und Schuldgefühle mit Witz und Intelligenz zu artikulieren. Dennoch tönen die Texte wie Prahlereien aus Schülermund nach der heimlichen Lektüre harter Pornos. Die simplen, aber wirkungsvollen elektronischen Klangzutaten runden die Stücke zwar zu eingängigem Hitparaden-Material ab, nehmen ihnen aber jede Hintergründigkeit, lauernde Gefahr und Glaubwürdigkeit. Sado & Maso als Modepose: Damit sind „Depeche Mode“ im Grunde nicht mehr als die Avantgarde jener gut gestylten Photomodelle, die ihren schwungvollen Haarschnitt in den Dienst der Musikindustrie stellen. (Mute/Intercord INT 146.833) Barry Graves

Alexander Zemlinsky: „Trio op. 3“/Arnold Schönberg: „Kammersymphonie Nr. 1 op. 09“

Das mal noch einmal eine gute Zeit am guten Ort gewesen sein – Wien gegen Ende vorigen/Anlang dieses Jahrhunderts, europäische Kulturhauptstadt nicht nur für ein Jahr. Und es muß auch eine gute Konstellation wie Reputation gewesen sein, dort zum einen die empfenlend-schützende Hand eines Johannes Brahms, zum anderen die in eine Verwandtschaft mündende Freundschaft eines Arnold Schönberg genossen zu haben. Nichtsdestoweniger mußte Alexander Zemlinsky, ein Frühtalent zwar, erleben und erkennen, daß die Zeit erst einmal über seine Musik hinweg ging, bevor sie uns heute wieder aufgeht, diese Mischung aus klassizistischer Tonalität und freizügigerer Harmonik, frecher Melodik und bissig-pfiffiger Rhythmik. Das Trio des Fünfundzwanzigjährigen und daneben die zehn Jahre spätere Kammersymphonie des auf- und ausbrechenden Schönberg (letztere auch noch in der herb und kühn den Ausdruck zusammenraffenden Bearbeitung durch Anton Webern im Abstand von 15 Jahren) zu hören: das zeigt eine Entwicklung auf, die uns heute so selbstverständlich erscheint, deren Beharrungs- und Lösungsqualen aber in jedem vierten Takt durchklingen. Ein in vielen und unterschiedlichen Kammermusikgruppierungen erprobtes und erfahrenes Ensemble erstklassiger Solisten gibt dieser Aufnahme ein glänzendes Profil, läßt alte Herrlichkeit fast schon in nostalgischem Glanz aufkommen, liefert aber auch eine asketische Distanz, die den Nerv dieser Musik so exakt trifft. Daß eine kleine Außenseiter-Gesellschaft diese Aufnahme herausbrachte, mag die Großen beschämen und zu angemessenem Suchen ermuntern. (Andras Adorjan, Flöte / Eduard Brunner, Klarinette / Dmitry Sitkovetzky, Violine / David Geringas, Cello / Gerhard Oppitz, Piano; TUDOR 717) Heinz Josef Herbort