Wie eine liberale Nation zu einer nationalistischen Gesellschaft von Unterdrückern wurde

Von Peter Reichel

Aus Israel und den von ihm besetzten Gebieten kommen keine guten Nachrichten. Wie so oft seit dem Sechstagekrieg vor über zwanzig Jahren. Seit Jahrzehnten beherrschen Terror und Gegenterror das tägliche Leben, gilt das Gesetz: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die meisten Menschen, die dort leben, wissen aus eigener, leidvoller Erfahrung, was Angst, Haß und Verzweiflung sind, Bedrohung und Unterdrückung, Gewalt und Rache. Was anderswo als Ausnahmezustand gilt, ist hier längst Normalität. Eine Gesellschaft im Belagerungszustand. Aber die Rollenverteilung ist so unübersichtlich geworden wie die gesamte Lage. Die Belagerer sind zugleich Belagerte und umgekehrt. So wird am „Todesrad“ von beiden Seiten gedreht. In diesen Wochen wieder einmal. Schneller und schneller. Und es dreht sich auch auf unseren Bildschirmen. Spektakulär und allabendlich.

Es müssen schon täglich zwei bis drei von israelischen Soldaten erschossene Palästinenser sein, wenn das alte, leidige Palästina-Problem angesichts der Flut von Elendsbildern und Schreckensmeldungen in die Schlagzeilen von Tagesschau und Tageszeitungen kommen will. In der „Zitadellenkultur“ (O. K. Werckmeister) der westlichen Gesellschaften, die von der Erfahrung der wirklichen Katastrophen abschirmt und Realität mit deren ästhetisch-realistischer Reproduktion verwechselt, in dieser Kultur ist die Nachfrage der Massen und Massenmedien nach schockierenden Bildern und Nachrichten enorm. Bilder, die israelische Soldaten zeigen, wie sie gefesselten Palästinensern mit Steinen Arme und Beine zerschmettern, solche Bilder, die dieser Tage einem CBS-Fernsehteam „glückten“, sind weltweit gefragt. Auch diese Zeitung mochte sie ihren Lesern nicht vorenthalten (vgl. Nr. 10 v. 4. 3. 88).

Die ebenso erschreckenden wie unverständlichen Bilder vom „Krieg der Kinder“ in Gaza (das verharmlosend immer noch Gaza-Streifen genannt wird und doch längst als israelisches Soweto gilt) machen zugleich vergessen, daß und vor allem: warum der Alptraum von Angst und Schrecken in dieser Region längst so alltäglich geworden ist wie bei uns die behäbige Wohlstandsordnung. Wen diese Bilder und Nachrichten nicht nur schockieren und zu einer billigen Geste der „Betroffenheit“ veranlassen, wer sich nicht mit einem ästhetizistischen Pessimismus begnügen will, daß sich auch diese „Probleme nicht lösen lassen, sondern nur empfunden und ertragen werden müssen“, wer vielmehr nach Informationen und Erklärungen sucht, nach Urteilskriterien und alternativen Lösungen fragt, der sei, zumal angesichts einer weiterhin lückenhaften deutschsprachigen Israel-Literatur auf das neue, umfangreiche Buch des international wohl bekanntesten israelischen Soziologen Shmuel N. Eisenstadt verwiesen, Eisenstadt beschäftigt sich seit langem mit der vergleichenden Analyse von Kulturen und Gesellschaften, sowie den Bedingungen und dem Verlauf von sozialem Wandel. Dabei steht die Frage nach dem Zusammenhang von Tradition, Revolution und Modernisierung im Mittelpunkt seines Interesses:

  • Shmuel N. Eisenstadt:

Die Transformation der israelischen Gesellschaft