Von Matthias Horx

Am Anfang steht jede Menge Schweinkram. Tote Föten, Blut und Eiter, faulige Gedärme und der Geruch nach Äther. Doch all diese martialischen Details werden nie zum Selbstzweck; nie kommen sie mit jener selbstgefälligen Provokationslust einher, mit der derlei Dinge in der neuen deutschen Literatur geschildert werden. Blut, Schweiß und anatomische Details haben ihren Sinn in diesem Roman – sie erzeugen Wirklichkeit.

Etwa die Wirklichkeit, die Doktor Wilbur Larch zu einem Abtreiber macht. Mitte der dreißiger Jahre kommt eine junge Frau zu dem jungen Doktor und bittet um eine Abtreibung. Larch weigert sich. Tage später liegt dieselbe Frau vor der Tür der Praxis – mit barbarischen Verletzungen des Unterleibs, die sie sich bei einem Kurpfuscher zugezogen hat. Sie stirbt unter Qualen.

John Irvings fünftes Werk ist ein historischer Roman, der sich vom Anfang des Jahrhunderts bis in die Jetztzeit zieht. In ihm kommen – der Verlag wird nicht müde, darauf hinzuweisen – erstmals keine Bären vor. Bislang gab es in Irvings Romanen immer irgendwelche fahrradfahrenden und sprechenden Pelztiere, und irgendwann gelangte man automatisch nach Wien, in die marode Pension, wo der amerikanische Schriftsteller einen Teil seiner Lehr- und Jugendjahre verbrachte.

Diesmal bleibt man im US-Bundesstaat Maine, in einem Waisenhaus, in dem jener Doktor Larch sowohl Niederkunft („Gottes Werk“) wie auch Abtreibung („Teufels Beitrag“) praktiziert; Es ist ein Waisenhaus wie beim guten alten Huckleberry Finn, es könnte auch einem Dickensschen Roman entsprungen sein. Das Stöhnen der niederkommenden Frauen, das Plärren der Babys, der Geruch nach Desinfektionsmittel und die Sehnsucht der Kinder nach einer Adoptivfamilie prägen den ersten Teil des Werkes. Aber – wie kann es anders sein – in dieser Hölle ist Menschlichkeit möglich, ja gerade hier, in der Anfechtung, inmitten der Saugpumpen und Curettagen ist die Frage nach der Moral und Ethik wirklich lebendig. Was ist, so lautet Irvings bohrende existenzielle Frage, gut und böse in einer miserablen Welt, die aus Liebe und Lust unaufhörlich ungewollte Leibesfrucht werden läßt? „Der Embryo hat eine Seele“, sagt Homer Wells, die zweite Hauptfigur, und weigert sich, in die Fußstapfen seines Ziehvaters Dr. Larch zu treten. Irvings Moralismus wird niemals moralin. In ihm haben Menschen die Wahl, zu entscheiden.

Der zweite Teil des Romans beschreibt die Halbstarkenkulturen der vierziger und fünfziger Jahre: das Autokino und die Ästhetik des Präservativs, die Industrialisierung und das langsame Aufkeimen der sexuellen Befreiung. Es herrscht Krieg in Europa. Es geht ums Leben. Um Liebe und Tod, um Wachstum und Regression, um Stabilität und Bedrohung, oft auch ganz simpel um Arbeit und Not.

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ hat enorme Konstruktionsschwächen, der Roman langweilt nach 200 Seiten, verliert sich in Details und öden Dialogen, dramaturgisch kommt er bis zum Schluß nicht wieder auf die Beine. Irvings Charaktere bleiben blaß (bis auf jene, die kräftig überzeichnet sind). Aber auf eine seltsame Weise vermag das alles der wirklichen Qualität von Irvings Prosa nichts anzuhaben. Denn Irving schreibt keine Bücher, auch keine Romane, sondern Schinken.