Fast hätte man es ahnen müssen: In der vergangenen Woche stellte der bislang im Hintergrund agierende Filmhändler Leo Kirch sein umfängliches und mächtiges Imperium erstmals in einer Broschüre dar (Jahresumsatz: rund 600 Millionen Mark). Und – wie um noch einen draufzusetzen – erfuhr die erstaunte Öffentlichkeit, daß nun sogar eine Werbeagentur an einem Image-Konzept für die so geheimnisumwobene Firmengruppe arbeiten soll. Mit einem Knalleffekt eröffnete sich nun zu Beginn dieser Woche der Sinn der neuen Publizitätslust des Leo Kirch.

Die Nachricht freilich kam nicht von den Akteuren, sie kam von ihrem Opfer: dem Axel Springer Verlag. Was der Informationsdienst Platow-Brief schon am Dienstag früh, einen Tag vor seinem üblichen Erscheinungstermin, verbreitete, bestätigte das Haus Springer am späten Dienstag nachmittag. Die Großaktionäre des Zeitungsgiganten, die Brüder Franz und Frieder Burda sowie Leo Kirch, wollen die Macht im Hause ergreifen.

Die bis kurzem noch verfeindeten Anteilseigner hatten sich hinter dem Rücken von Springer-Erben, -Aufsichtsrat und -Vorstand gefunden und ihre Interessen in einem Poolvertrag gebündelt. Rein rechnerisch sieht das freilich nicht einmal bedrohlich aus. Die Burda-Brüder verfügen über ein Aktienpaket von 25,9 Prozent, Kirch hingegen nur über zehn Prozent. Erst wenn die Aktionärsgruppen gemeinsam über eine Mehrheit des Springer-Kapitals verfügen, erst dann können sie die Beschlüsse in Hauptversammlung und Aufsichtsrat in ihrem Sinne steuern. Erst dann auch können sie Anspruch auf eine Mehrheit im neunköpfigen Aufsichtsrat und damit auf den Vorsitz erheben. Doch längst schon ist es kein Branchengeheimnis mehr, daß auch Kirch mehr als 25 Prozent bei Springer hält – und sei es über andere Aktionärsgruppen.

Inzwischen spielt da nicht einmal mehr eine Rolle, daß der verstorbene Pressezar Axel Springer keinem Aktionär außer seinen Erben und den von ihm auserwählten verlegerischen Erben Burda ein Paket von mehr als zehn Prozent zugestehen wollte. Denn auf Grund der Erbteilung im Hause Burda, Bruder Hubert ist inzwischen Chef des Burda-Verlages, Franz und Frieder verfügen über die Springer-Beteiligung, können nun die beiden Brüder Franz und Frieder ungebremst vom Kartellamt ihren Springer-Anteil auf knapp unter fünfzig Prozent ausbauen. Dem freilich muß der Aufsichtsrat zustimmen, da das Springer-Kapital aus vinkulierten Namensaktien besteht.

Diskutiert freilich wurden auch andere Lösungen, so eine Erweiterung des Gesellschafterkreises. Im Gespräch scheinen dabei der Kölner Warenhauskonzern Kaufhof sowie der Hamburger Verlagskonzern Bauer gewesen zu sein. Nach Mitteilung der Kirch-Gruppe, die ihre Aktivitäten keinesfalls als Kampfansage an die Springer-Erben betrachtet, wurde die Erweiterung des Aktionärskreises schließlich doch vom Haus Springer abgelehnt. Nun möchten die Springer-Erben ihr Vorkaufsrecht geltend machen. Der Machtkampf um das Haus Springer hat also erst richtig begonnen.

Ende vergangenen Jahres schien ein Konflikt unter den bisherigen Aktionären vorerst beigelegt. Damals hatten sich ausgerechnet die beiden Burda-Brüder gegen eine Aufstockung des Kirch-Kapitals gesperrt. „Ich möchte erst einmal wissen“, so tönte Frieder Burda damals, „wer überhaupt die Kirch-Gruppe ist.“ Kirch hingegen konterte, es gebe einen Springer-Aktionär, der noch nie gesagt habe, was er mit Springer machen will. Gemeint waren die Burda-Brüder. Kirch hatte dagegen klare Vorstellungen. Der Springer-Verlag ist wichtigster Gesellschafter des privaten Fernsehkanals Sat 1, Kirch dort der wichtigste Filmlieferant. Erst mit der Macht eines großen Presseunternehmens, so Kirchs Kalkül, kann sich das Privatfernsehen durchsetzen. Kirch scheint inzwischen bei den Burdas Nachhilfe erteilt zu haben – so gut, daß die Brüder nun eine komplette Kehrtwendung vollzogen.

Doch die düpierten Springer-Testamentsvollstrecker, die Witwe des Verlegers, Friede Springer, Aufsichtsratschef Professor Bernhard Servatius sowie Ernst Cramer, ein Weggefährte des Verlegers, wollen den Kampf aufnehmen. Sie halten den Poolvertrag für rechtswidrig. „Sie werden“, so teilten sie mit, „das Vermächtnis Axel Springers verteidigen.“ gf