Ein Hund schlägt an. Mit jedem Schritt durch das schlafende Dorf stimmt ein weiterer Köter ein. Bald jault die ganze Meute von Minori im Chor. Am Ortsrand taucht eine gespenstische Gesellschaft vor mir aus der Finsternis auf. Vermummte Gestalten lehnen an der Mauer eines Zitronenhains, fast 100 Männer, alle in knöchellange weiße Kutten gehüllt, mit Seilen umgürtet, weiße Kapuzen über den Kopf gestülpt. Durch die kreisrunden Sehschlitze funkeln ungezählte schwarze Augenpaare.

„Ciao“, sagt ein Kapuzenmann und lüftet die geheimnisvolle Maske, „wir haben schon auf dich gewartet.“ Es ist Peppino, der priore, das Oberhaupt der Vermummten. Die sind keine geheime Verschwörerbande, sondern eine ganz und gar fromme Gemeinschaft. Sie heißt Arciconfraternita del Santissimo Sacramento – Erzbruderschaft des Allerheiligsten Sakraments. Battenti nennen die Dorfbewohner den Zirkel religiöser Laien – die „Schlagenden“. Damit halten sie die Erinnerung wach an die Büßer und Flagellanten des Mittelalters, die sich einst in der Karwoche überall in den Dörfern an der amalfitanischen Küste und überhaupt in ganz Süditalien in dramatischen Prozessionen eigenhändig bis aufs Blut geißelten – zur Identifikation mit den Leiden von Jesus Christus und zur mystischen Selbstreinigung.

Karfreitag, fünf Uhr morgens. Am Fuß von Minoris Zitronenhügeln, vor der ersten Kreuzwegstation, ordnet sich der Haufen battenti zu drei Kreisen. Eine hohe, gepreßt klagende Männerstimme erhebt sich zum Gesang in die Dunkelheit: „Perdono, mio Dio.“ Im Tenor fallen nacheinander die ersten beiden Kreise der battenti ein: „Mio Dio, perdono.“ Dann stimmen auch noch die Bässe in die flehentliche Bitte um Gottes Vergebung und Erbarmen ein: „Perdono, pietà.“

Ich spüre überall Gänsehaut. Nie zuvor habe ich einen so dunklen, alle unbewußten Tiefen erschütternden Klagegesang gehört. Doch schon lüften die Männer wieder ihre Kapuzen, lächeln mich an. Die Welt wird harmloser. Vieni, saliamo! Wir steigen bergan. Ein dicker Kapuzenmann lädt sich das 30 Kilo schwere Kreuz der Bruderschaft auf die Schulter. „Das Kreuztragen ist eine große, unverzichtbare Ehre für ihn“, erzählt mir Peppino, „jedes Jahr reist er dafür eigens aus seiner neuen Heimat im Norden an.“

Ein Häuflein Nachwuchs-battenti schließt sich dem Kreuzträger an, der Kinderschar folgen die erwachsenen Sänger. Nur wenige Leute aus dem Dorf beteiligen sich so früh am Morgen an der Prozession. Ungehört, allein für den Himmel bestimmt, verhallen die nächsten Lieder von den Leidensstationen des Herrn. In einem Kirchlein auf den Hügeln hoch über Minori warten die ersten Gläubigen. Vor dem Altar wirft sich der Kreuzträger flach auf den Bauch, hinter ihm gehen die übrigen Kapuzenmänner in die Knie.

Herzzerreißend, anders läßt sich der Gesang nicht nennen, mit dem die battenti – jeweils nur in den Kirchen und Kapellen längs des Passionswegs – die Qualen der Muttergottes heraufbeschwören: „O Maria/quel tuo bei figlio/chi te lo uccise/e chi te lo rubö?“ O Maria, wer hat Deinen schönen Sohn ermordet und geraubt? Seit vielen Jahrhunderten rufen so die Männer von Minori ihre Madonna an.

Erste historische Hinweise auf die Flagellanten der Gegend um Amalfi finden sich in einer Urkunde aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, Minoris älteste singende Bruderschaft der Madonna del Santo Rocaro wurde 1568 erstmals in einem Kirchenbuch erwähnt. Sechs solcher Gruppen soll es einst im Dorf gegeben haben, eine für jedes Quartier. Heute existiert nur mehr eine einzige – und diese erst wieder seit 1975, nachdem der Brauch des Passionssingens mehr als 30 Jahre lang nicht gepflegt worden war. Mittlerweile, erzählt mir Peppino, zählt die Gruppe bereits wieder 300 Mitglieder – aktive Sänger sind allerdings nur 200 davon.