Von Katharina Zimmer

Ich kann Ihnen gratulieren. Diesmal wird es ein Junge. Augenfarbe Blau, wie Sie es gewünscht haben. Genetische Anomalien konnten wir ausschließen. Ein kleiner Schönheitsfehler: Der Intelligenzquotient wird vermutlich nicht besonders hoch sein, aber im Bereich des Normalen liegen. Leider ist uns der versuchte Gentransfer diesmal nicht gelungen. Und wir wollten nicht mit weiteren Korrekturen den ansonsten hochwertigen Keim gefährden. Übrigens, in Anbetracht der ausgezeichneten Gesamtqualität, empfehlen wir Ihnen, eine Teilung des Embryos vornehmen zu lassen. Das hätte für Sie gleich drei Vorteile. Erstens: Im Fall des Mißlingens der Schwangerschaft oder auch des vorzeitigen Todes Ihres Kindes, hätten wir dann noch eine Kopie auf Eis. Zweitens: Entspricht dieses Kind in besonderem Maß Ihren Wünschen, könnten wir jederzeit einen Zwilling produzieren. Drittens: Sollte Ihr Sohn später ein Organtransplantat benötigen, könnten wir auf den Ersatzembryo zurückgreifen und entsprechendes Organgewebe züchten.“ Ohne Zögern stimmen die zukünftigen Eltern der – wie man ihnen zusichert – ungefährlichen Teilung des Embryos zu. Man kann ja nie wissen.

Eine erfundene Geschichte. Niemand kommt auf die Idee, sie für mehr als eine überzogene Zukunftsvision zu halten. Oder doch? Der französische Biologe Jacques Testart, „Vater“ des ersten Retortenbabys Amandine in Frankreich und Mitbegründer der „Fertilisation in vitro mit Embryo-Transfer“, in Frankreich kurz FIVÈTE genannt, hält die Realisierung solcher Horrorvorstellungen für möglich und zwar in absehbarer Zeit. „Uns bleiben allenfalls noch einige glückliche Jahre, bis wir das menschliche Genom manipulieren können“, schreibt er in seinem Buch „Das transparente Ei“, das Ende März – recht holprig übersetzt – in Deutschland erscheint.

„Hochverehrte Eltern, die FIVÈTE-Techniker schätzen sich glücklich, Ihnen bald Eizellen à la carte anbieten zu können. Das Labor übernimmt die Garantie für gewünschtes Geschlecht und Normgerechtigkeit“, so sieht Testart die Zukunft. Denn heute sei man schon in der Lage, „die genetische Identitätskarte“ des Keims im Prinzip zu erstellen. Man solle nur nicht glauben, warnt der Wissenschaftler, „man könne den Eltern den .Personalausweis’ des Eis verweigern, wenn er sich erst einmal erstellen läßt“. Ebenso sei damit zu rechnen, daß „manche darauf drängen, solche Untersuchungen zur Regel zu. machen, um Einspruch gegen Ehen erheben zu können“, um „unerwünschte Werdende“ frühzeitig aufzuspüren. Die Vorstellungen von der Normalität eines Menschen würden sich bald verschieben. Dann stelle sich die Frage nach der Bestimmung einer Schwelle, jenseits derer der Mensch vom Menschen nicht mehr akzeptiert werden kann“. Der Wissenschaftler am Nationalen Institut für Gesundheit und Medizinische Forschung INSERM und Leiter der Abteilung für In-vitro-Fertilisation des Krankenhauses Antoine Béclère in Clamart im Süden von Paris, läßt keinen Zweifel daran, daß er an einer solchen zukünftigen Entwicklung nicht mitschuldig werden will, und daß er aus der dahin führenden Forschung aussteigt.

In seinem bereits 1986 in Frankreich erschienenen Buch „L’oeuf transparent“ erklärte er diesen Willen und erregte damit nicht nur unter Kollegen und Medizinern Aufsehen – leidenschaftliche Zustimmung, lautstarke Ablehnung, ja Empörung. Die Diskussion um seine Kritik an bestimmten Bereichen der Forschung ist seitdem in den französischen Medien zu verfolgen. Testart schildert im „Transparenten Ei“ nicht nur den Weg der Forschung zur FIVÈTE, nicht nur die heute bereits möglichen Techniken im Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung: Er richtet vor allem einen Appell an andere Wissenschaftler, innezuhalten und darüber nachzudenken, welchen Sinn ihre Forschung für die Menschen hat.

„Ich glaube, daß es an der Zeit ist, eine Pause einzulegen, daß die Stunde der Selbstbeschränkung des Forschers gekommen ist.“ Der Wissenschaftler dürfe nicht jedes Projekt ausführen, das machbar sei. „Ich habe mich entschlossen, aufzuhören mit jener Forschung, die auf eine radikale Veränderung des Menschen hinarbeitet“, sagt er in einem Gespräch. Für ihn geht es vor allem darum, ethische Maßstäbe anzulegen. Aber Ethik möchte er nicht mit religiösen Ideologien verwechselt sehen. Ethische Grundsätze zu berücksichtigen, meint er, „das bedeutet, die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten, aber auch die Perversionen der Gesellschaft in seine Überlegungen miteinzubeziehen“.

Testarts Zweifel am Sinn seiner Tätigkeit und der Forschung überhaupt, plagten den ehemaligen Trotzkisten schon, als er in den 60er und Anfang der 70er Jahre an Tierprojekten wie Leihmutterschaft bei Kühen arbeitete. „Mir wurde klar, daß das, was ich da machte, idiotisch war. Denn das Ziel war schließlich, die Produktion zu erhöhen. Damals bereits gab es in Europa zu viel Milch.“ Er engagierte sich dann in der Erforschung der menschlichen Reproduktion. Ihm ging es darum, unfruchtbaren Paaren zu helfen, ein Kind zu bekommen; insbesondere Frauen, deren Eileiter undurchlässig oder verkümmert waren, oder bei denen eine Immunreaktion gegen das Sperma des Mannes eine Schwangerschaft verhinderte. Nur bei diesen Indikationen hält Testart die Technik der FIVÈTE für sinnvoll.