Düsseldorf: „Ingeborg Lüscher – Skulpturen“

Schwefel aus der Hexenküche. Schwefel, der Wunden heilt und von Geistern befreit. Schwefel gegen Fluch und Tod. Schwefel – stinkende Dämpfe und gelbe Magie. Man muß nicht einmal das Lexikon bemühen – siehe Schwefel, Kulturgeschichte –, um vage Gewußtes zu präzisieren: antiken Kult, zauberische und medizinische Anwendungen. Beschwörung und geheime Kräfte. Denn in der Ausstellung neuer Skulpturen von Ingeborg Lüscher wachsen einem solche Erinnerungen zu: Plastik, schwefelgelb auf hohen weißen Sockeln, wird zu einer Ansammlung von Urformen; Gewachsenes, Gebautes leuchtet gefährlich schön. Das reine helle Gelb des aus Schwefeldämpfen gewonnenen Puders hat sich auf porösen Oberflächen niedergelassen und isoliert die Objekte von ihrer Umgebung. Vegetative, organische, geometrisch gekantete Form ist eingehüllt in dieses magische gelbe Licht, das greifbare Materie ist; eine Substanz, die zu atmen scheint und die – wenn man sie antippt – an der Fingerkuppe haften bleibt, als sichtbares Zeichen leichtfertiger Annäherung. Anziehung und Distanz stecken in diesen Arbeiten, die aussehen, als seien sie in fremden Wäldern gefunden. Sie wirken frei und gegenstandslos, sie lassen Assoziationen zu und sprechen von der Vitalität einer Künstlerin, die einfach, ganz unpathetisch Körper auf einem Kern von Holz, mit Holzstaub, Gips, Leim und Schwefel modelliert. Diese Skulpturen, durchaus auf der Linie zeitgenössischer Plastik, besitzen Geheimnis und Poesie, und wenn sie wie ferne Idole wirken, so mag das ein Zeichen von Wahlverwandtschaft mit dem Urgründigen sein. Ingeborg Lüscher, im Tessin ansässig, Malerin, Autorin, Entdeckerin merkwürdiger Schöpfungen Unbekannter, zeigt mit dieser Schau, die auch in Galerien in Paris, Zürich und Wien gastiert, ein neues Kapitel ihrer Arbeit – überraschend in seiner Klarheit und selbstverständlich, leise sinnlich. (Galerie Heike Curtze bis zum 12. April) Ursula Bode

Hamburg: „Jan Rieckhoff und Michael Diers: Postkarten“

Von Fluxus und Dadaismus beeinflußt existiert seit Anfang der siebziger Jahre unter den Begriffen Mail Art oder Correspondence Art eine Kunstbewegung, die den Beförderungsservice der Post als Medium ästhetischer Kommunikation nutzt – zu Korrespondenzen im tieferen Sinn der Entsprechungen. Jenseits des offiziellen Kunstbetriebs entstehen zwischen Künstlern sporadisch oder permanent Aktionen, in denen Ideen ausgetauscht und Projekte angeregt werden oder die einfach für sich selbst stehen. Indem das Bundespostmuseum in Frankfurt dankenswerterweise eine dieser internen Korrespondenzen aufgekauft hat und nun, nach der Premiere im eigenen Haus, auch in Hamburg ausstellt, ergibt sich ein an- bis aufregender Einblick in die Möglichkeiten, die das triviale Massenmedium Postkarte bieten kann. Im Jahr 1983 schickten sich der Maler und Graphiker Jan Rieckhoff und der Kunsthistoriker und Antiquar Michael Diers (beide Hamburg) täglich jeweils eine gestaltete Postkarte beziehungsweise ein zur Postkarte umfunktioniertes Objekt – ein Konvolut von insgesamt 635 Exponaten. Was da übers Jahr Tag für Tag von Haus zu Haus ging, ist nicht nur für die anliefernden Briefträger von Staunenmachender Vielfalt, voll hintersinniger Ironie und listiger Defunktionalisierung jener Trostlosigkeiten, die gemeinhin etwa 900millionenmal pro Jahr als Postkarte befördert werden. Den einzelnen Stücken sind Titel zugeordnet, die den diversen Karten stets eine zweite, oft satirische Funktion zuweisen. Die „Speisekarte“ besteht zum Beispiel aus einem Pappteller mit Krümeln unter Klarsichtfolie, die „Netzkarte“ aus einem Pappkarton, der mit einer Zitronennetzhülle umwickelt ist. Der alltägliche Müll, der unsere Wohnungen durchflutet, wird hier zum Fundus eines spielerischen Witzes, der das harmlose Medium zu immer überraschenderen Botschaften umbaut. „Was ich vorziehe an der Postkarte“, schrieb Jacques Derrida, „ist, daß man nicht weiß, was vorn oder hinten ist, hier oder da, nah oder fern..., recto oder verso.“ Das im doppelten Sinn post-moderne Vexierspiel dieser Kartenperformance sollte dazu anregen, den eigenen Kartenverkehr einmal auf unroutiniertere Füße zu stellen. (Altonaer Museum bis zum 22. Mai; Katalog 26 Mark)

Klaus Modick

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Albrecht Altdorfer“ (Kupferstichkabinett bis 17. 4.; Katalog 35 DM)