Die Enttarnung von Elke Falk verspricht Aufschluß über Lecks an wichtigen Bonner Stellen.

Der jüngste Spionagefall wird die Anwendung jener neuen Richtlinien beschleunigen, die vom 1. Mai an für die Überprüfung von Bundesbediensteten mit sicherheitsempfindlichen Aufgaben gelten. Künftig sollen Verfassungsschutz und Sicherheitsbehörden auch die Verlobten, Lebensgefährten oder „andere Personen des näheren Lebensumfeldes“ der Geheimnisträger unter die Lupe nehmen. Nach der Festnahme von Frau Falk hält das Innenministerium solche Nachforschungen trotz heftiger Kritik aus der SPD und Teilen der FDP vollends für gerechtfertigt.

Wie zuletzt bei Margret Höke aus dem Bundespräsidialamt und Sonja Lüneburg aus dem Wirtschaftsministerium nimmt sich auch die Spionage-Biographie Elke Falks wie aus dem Bilderbuch aus. Die jetzt 43jährige alleinstehende Sekretärin war 1974 aus der Privatwirtschaft ins Kanzleramt gewechselt, nachdem sie durch eine Bekanntschaftsanzeige ihren späteren Agentenführer unter dem Namen Gerhard Thieme kennengelernt hatte und mit ihm eine Liebesbeziehung eingegangen war.

In der Regierungszentrale war Frau Falk bis Ende 1977 beschäftigt, zuletzt für ein paar Monate bei dem damaligen Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski. Danach arbeitete sie bis Mitte letzten Jahres zunächst im Vorzimmer des früheren Staatssekretärs Heinz Ruhnau im Verkehrsressort, darauf in den Sekretariaten der Parlamentarischen Staatssekretäre Alwin Brück und Volkmar Köhler im Entwicklungshilfeministerium. Zuletzt war sie Bürosachbearbeiterin in der Europa-Abteilung dieses Ressorts.

Obwohl sich Bundesanwaltschaft und Verfassungsschutz mit endgültigen Urteilen noch zurückhalten, schätzen sie Ausmaß und Ertrag der Spionagetätigkeit Elke Falks als gravierend ein: Sie hat in den Vorzimmern Wischnewskis, Ruhnaus, Brücks und Köhlers auch mit den für den Minister und die Staatssekretäre bestimmten Geheimpapieren zu tun gehabt.

Vor allem in der Tätigkeit für Wischnewski steckt Brisanz, auch wenn sie nur die zweite Hälfte des Jahres 1977 umfaßte. Genau in dieser Spanne ist der damalige Staatsminister im Kanzleramt zu einer Art Steuermann der operativen Deutschlandpolitik aufgerückt, und exakt in diese Zeit fallen die Entführung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers und die Befreiung der Geiseln in der Lufthansa-Maschine, die Wischnewski zum „Helden von Mogadischu“ machte. Neben dem wahrscheinlichen Spionageertrag in den deutsch-deutschen Angelegenheiten, bei denen es um eine wichtige neue Verhandlungsrunde ging, können, ja müßten die Ausnahmebedingungen, unter denen die Bonner Politik in jenem vom Terrorismus geprägten Halbjahr stattfand, für die Agentin Falk besonders ergiebig gewesen sein.

Während sich ihr Agentenführer Thieme wohl schon früher nach Ost-Berlin zurückzog, hat auch Elke Falk, von ihren Auftraggebern gewarnt, die Spionage bereits im Sommer 1985 eingestellt. Aber die Jahre davor machen ihre Enttarnung, zu der es schon vor einiger Zeit im Zusammenhang mit einer Rasterfahndung kam, zumindest zu einem nachträglichen Erfolg der Bonner Spionageabwehr.

C.-C. K.