Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt Luchs 18 vor

Das große Abenteuer der Seefahrt – von Kapitän Hornblower bis zur Meuterei auf der Bounty, von Columbus bis zu Hans Alben, wo gibt es das noch? Heute redet man vom Ausflaggen, von der Werftenkrise, vom Golfkrieg. Und dann steht da ein Anhalter an der Straße, will zu irgendeinem Hafen, will abhauen, will anheuern? Es stellt sich heraus, daß er sich erst fünf Zähne ziehen lassen muß, um das Gesundheitszeugnis für ein Seefahrtsbuch zu bekommen. Er findet sogar ein Schiff, ein „Kümo“ mit dem romantischen Namen „Mona Rosa“, das auf der Routinestrecke Hamburg-Norwegen Papierballen transportiert. Dies ist die Ausgangssituation des Schiff-Buches und gleichzeitig ein kleiner Einblick in die Methode des Autors.

Erst mal wenig Abenteuer, viel Realität. Das Schiff wird vorgestellt, die Besatzung vom Schiffsjungen bis zum Kapitän (im ganzen vier Leute), dann der Weg durch den Nord-Ostsee-Kanal, das Beladen und schließlich die notwendig gewordenen Reparaturen in der Werft. Viele Schwarzweißphotos unterstützen den dokumentarischen Charakter dieses Teils. Was aber nebenher und zwischendrin noch gezeigt, erzählt, eingeflochten wird, das macht das Buch zu einem handlichen Schiffahrts-Brevier. Seemannslieder und Buddelschiffe, Radar Echolot und Kompaß, Aufklärung über die Anwerbemethode des Shanghaiens und das Backen an Bord bei Windstärke sieben. Dazu Abbildungen von tätowierten Seemannsarmen, historischen Schiffstypen und der internationalen Signalflaggen. Es fehlen weder die Seemannsknoten, noch der Klabautermann, schon gar nicht die Seekrankheit oder der Schiffbruch. „Willst du beten lernen, fahre zur See.“ So kommt das vergangene und gegenwärtige Abenteuer der Seefahrt doch wieder zum Vorschein, allerdings auf realen Füßen stehend. Die vielen Informationen machen das Buch nicht zu einem trockenen Lexikon. Da ist einfach jemand, der erzählen kann und Lust dazu hat, dem dies noch einfällt und dort noch etwas interessant erscheint. Ein wenig technisches Verständnis sollte bei den dreizehn- bis vierzehnjährigen Lesern und Leserinnen allerdings vorhanden sein. Sonst verstehen sie vielleicht die Sache mit den „Freßsäcke“ genannten Zink-Anoden doch nicht.

Am Ende rundet sich das Bild. Es hat einen historischen Rahmen bekommen und einen aktuellen Bezug. Das Fahrgebiet der „Mona Rosa“ (Nord- und Ostsee) wird als besonders bedroht gekennzeichnet. Thomas, der Anhalter vom Anfang des Buches, mustert von seinem letzten Schiff ab, nachdem er sich mit einem Ingenieur angelegt hat, der verantwortlich dafür war, daß ölhaltiges Wasser ins Meer gepumpt wurde. Diese Mischung von Sachlichkeit und Beteiligtsein, von Problem bewußtsein und Erzählfreude ist es, die das „Schiff-Buch“ zu einem geglückten Modell eines Sachbuches macht. Rudolf Wenzel

  • Matthias Duderstadt:

„Das Schiff-Buch“ mit Zeichnungen von Ralf Jurszo: Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt, Salzburg; 154 S., 19,80 DM.

LUCHS 18 wurde unter folgenden Jugendsachbüchern ausgesucht: Ontario Science Centres: „Schmecken und Entdecken“, Benziger Edition, Arena Verlag; Heiderose und Andreas Fischer-Nagel: „Die Stubenfliege“, Kinderbuchverlag Luzern; Markus Kappeler: „Großkatzen“, Kinderbuchverlag Luzern; Gisela Völger; „Auf der anderen Seite der Erde“, Verlag Otto Maier. Den Vorsitz der Jury hatte Rudolf Wenzel. Die Juroren: Birgit Danken, Jo Pestum, Rudolf Wenzel, Ute Blaich.