mal eben nicht. Je weiter er in die Gegenwart kommt - und die Jahre bis 1800 machen nur ein Viertel der Arbeit aus , desto mehr weitet sich die Analyse des sich schnell wandelnden Mächtesystems zu kleinen vergleichenden Abhandlungen der jeweils nationalen Machtgrundlagen der Großen aus. Dabei wird nicht nur den großen Mächten, sondern auch vielen mittleren Staaten kenntnisreich Tribut gezollt.

Insgesamt ist das eine trockene Materie, die aber in einem eleganten, ja bisweilen salopp vereinfachten Stil dargeboten wird, der viel erhellt, Durchblicke ermöglicht, ohne eine platte Wiederholung der Geschichte nahezulegen. Bei einem Blick auf das Leitthema der imperialen Überdehnung heißt es etwa für die USA von 1970: "Das war eine stattliche Reihe von Verpflichtungen, die Ludwig XIV oder Palmerston [der führende britische Staatsmann Mitte des 19. Jahrhunderts] wohl ein wenig besorgt gemacht hätten Für Deng Xiao Pings China sieht er vergleichbare Entwicklungsprobleme anstehen wie in Colberts Frankreich, dem Preußen Friedrichs des Großen oder zur Zeit der japanischen Meiji Restauration. Bei manchen Hindu Kaufleuten im 16. Jahrhundert wundert sich Kennedy über ihre Aktivität, die anschauliche Beispiele für Max Webers "protestantische Ethik" zu geben scheinen. Von Adam Smith Ende des 18. Jahrhunderts analysierte Erscheinungen werden kenntnisreich schon im Jahrhundert zuvor ausgemacht.

Es ist nicht so sehr die intellektuelle Spielerei, die in solchen Analogien steckt, sondern die souveräne Beherrschung der Weltpolitik in den letzten Jahrhunderten, der theoretischen Debatten über ihre Funktionsweise, die solche Durchblicke ermöglicht. So ist das Buch insgesamt eine sowohl bedächtig abwägende als auch wieder kräftig zupackende - und dann natürlich auch oft vereinfachende - interpretatorische Leistung. Gerade aus deutscher Sicht ist es bemerkenswert, wie sehr der zweifache Anlauf zur Weltmacht in beiden Weltkriegen zwischen personellem Faktor von Wilhelm II bis Hitler in Verrechnung mit ökonomischer Leistungsfähigkeit bis hin zum Raubkrieg vermessen wird, wie er dann aber doch nur als eine unter großen Kosten für die ganze Welt zwischengeschaltete Etappe zwischen Pax Britannica im 19. und Pax Americana im 20. Jahrhundert auftaucht. Je näher man an die Gegenwart und damit an die Zukunft herankommt, desto unsicherer werden naturgemäß Diagnosen und Prognosen. Es verwundert, daß die Dritte Welt Problematik insgesamt kaum wahrgenommen wird, eine "grüne Revolution" erhöhter Nahrungsmittelproduktion in Indien und China die Dinge anscheinend schon auf den Weg gebracht hat. Weltwirtschaft wird trotz der gelegentlich erwähnten Schuldenkrise eben der Dritten Welt in ihrer mutmaßlichen Verlagerung des Schwerpunktes von Produktivität an den Pazifik in die Zukunft hochgerechnet, als ob sie so im Prinzip weitergehen könne. Die große atomare Katastrophe (nicht aber andere Kriege, auch "kleinere" atomare) spielt als Möglichkeit : die alle Prognosen beenden würde, nur am Rande eine Rolle. Die Großmächte als gleichsam geschlossene Identitäten nach außen hin werden insgesamt wohl zu hoch eingeschätzt. Ob sie über die Jahrhunderte in ihrer jeweiligen Form weiterbestehen konnten, war durch die Politik (und damit unabhängig gegenüber den von Kennedy untersuchten Triebkräften) manchmal durchaus zu einer offenen Frage geworden. Ob und wie Preußen im 19. Jahrhundert zur eigentlichen Großmacht aufstieg, lag auch an den Absichten der anderen Mächte. Ob 1919 die Siegermächte nur die Donaumonarchie auflösten oder auch das Deutsche Reich, war nicht von vornherein sicher. Wie das Schicksal der Sowjetunion 194142 bei einem auch vom Autor unter bestimmten Umständen denkbar gehaltenen deutschen Sieg ausgesehen hätte, das sind Fragen im akzidentiellen Bereich, die sich nicht allein aus den harten Tatsachen der zugrunde liegenden Macht errechnen lassen. Nach einer anderen Entscheidung hätte auch die künftige Entwicklung ganz anders verlaufen können. Für das internationale System insgesamt ist es fraglich, ob die Annahme einer Fortdauer des anarchischen Wettbewerbs der Mächte um Macht so weitergehen kann oder muß. Daß unter den großen "Nationen" der Gegenwart auch die Europäische Gemeinschaft gezählt wird, erfüllt auch Kennedy mit einem schlechten Gewissen, wenn er letztlich (bei breiter Entfaltung der nationalstaatlichen Differenzen Europas) eben doch von dem Rätsel Europa spricht. Offenbar ist hier eine wenn auch bislang schlecht genutzte - Chance vorhanden, auch den herkömmlichen Großmachtbegriff durch Zusammenschluß zu überwinden.