Um 1500 stieg das Haus Habsburg zur bedeutendsten Macht in Europa und der Welt mf und verlor diese Position in der Mitte des 17. Jahrhunderts wieder. Anschließend starteten Franzosen von Ludwig XIV bis zu Napoleon I wiederholt den Versuch, die Hegemonie für jenen Staat zu sichern - und scheiterten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Großbritannien die Weltmacht Nr eins, verlor jedoch sichtbar diese Position mit dem Ersten Weltkrieg. Die USA standen bereit, gleichsam in diese Fußstapfen direkt hineinzutreten, und teilen sich seit dem Zweiten Weltkrieg die Vormacht in der Welt "mit der Sowjetunion. So kann man den Inhalt eines äußerst komplexen Buches knapp und zugleich trivial zusammenfassen.

Denn vom Aufstieg und Fall zu handeln, gleichsam ein Bewegungsgesetz der Weltgeschichte in dieser Art zu ergründen, ist in diesem Jahrhundert von Oswald Spengler bis Arnold Toynbee wiederholt versucht worden, hat aber viele ältere Vorgänger. Oft endeten diese Versuche in sehr problematischen Geschichtsspekulationen.

Dennoch macht dieses Buch des an der renommierten Yale University in New Haven in den USA lehrenden britischen Wissenschaftlers Paul Kennedy auch politisch derzeit Furore. Das liegt wohl daran, daß sich der Verfasser entgegen üblichen Ängstlichkeiten von Historikern nicht nur an die Vergangenheit hält, sondern aus der Diagnose unserer Gegenwart heraus auch einen Blick in die Zukunft bis ins 21. Jahrhundert zu werfen versucht:

The Kise and Fall of the Great Powers. Economic Change and Military Conflict from 1500 to 2000 Random House, New York 1988; XXVI, 67 8 S, 24 95 Dollar.

Die Präsidentschaftskandidaten dieses Jahres in den USA hätten wohl kaum die Zeit zu lesen, war bereits zu hören, aber wenn sie läsen, könnten sie von diesem Autor viel lernen. Denn am Ende der Carter- wie der Reagan Ära scheinen die alten Rezepte zum neuen nationalen Aufschwung der westlichen Führungsmacht weniger denn je getragen zu haben. Können Historiker da Handlungsanleitungen bieten? Dies wohl kaum, aber immerhin vermitteln sie doch Orientierungswissen, das aus der Vergangenheit kommend den Blick für die Entwicklungsmöglichkeiten und damit auch Optionen der Zukunft schafft.

In Kennedys Sicht hat sich der bipolare militärisehe Antagonismus der Supermächte bereits jetzt zu einer stärkeren Multipolarität von fünf Machtzentren verlagert: Neben den USA und der Sof wjetunion, die sich beide im Niedergang befinden, erkennt er im Europa der EG (ebenfalls tendenziell absinkend), in China und vor allem Japan die neuen Mächte der kommenden Jahrzehnte. Dies heißt aber ausdrücklich nicht, "daß die Vereinigten Staaten dazu bestimmt sind, in die relative Obskurität früherer führender Mächte zu verfallen", aber: "Bei dem weltweiten Ausmaß militärischer Verpflichtungen, welche die Vereinigten Staaten seit 1945 übernommen haben, ist die Fähigkeit, diese Lasten zu tragen, offenbar geringer geworden als einige Jahrzehnte zuvor, als ihr Anteil der Weltproduktion und des Bruttosozialprodukts weit größer, ihre Landwirtschaft nicht in der Krise, ihre Zahlungsbilanz weit gesünder war, ebenso wie das Regierungsbudget sich in der Balance befand, sie nicht zu hoch verschuldet gegenüber dem Rest der Welt waren. In diesem weiteren Sinne ist etwas dran an der Analogie zwischen der heutigen Lage der USA und der früherer, Absteigender Führungsmächte "

Es gibt Möglichkeiten, diesen Niedergang aufzuhalten, aber aus dem ganzen ausgesprochenen Problemkreis heraus könnte dies nur eine schmerzhafte Korrektur liebgewonnener Denkpositionen bedeuten. Welche einzelne das sein müßte, dafür fühlt sich Kennedy nicht kompetent. Ihm kommt es darauf an, das Ensemble der Problemlagen nicht nur in den USÄ> sondern im gegenwärtigen internationalen System insgesamt aufzuzeigen, das es wenig wahrscheinlich macht, daß noch einmal die Hälfte der Weltproduktion von einer Macht wie den USA erzielt wird, wie es 1945 der Fall war. Und dies hatte Folgen für das gesamte Mächtesystem.