Deutsche Finnen helfen der Sowjetunion beim Umbau ihrer Wirtschaft

Werden wir Damenstiefel von ‚Lenwest‘ bekommen?“ Die interessierte Frage stellen sich die Frauen in Leningrad. Denn in der zweitgrößten Stadt der Sowjetunion geht die Sorge um, in der deutsch-sowjetischen Schuhfabrik Lenwest könnten nur Herrenhalbschuhe produziert werden. Dabei setzen die jungen Russinnen doch größte Hoffnungen auf das Gemeinschaftsunternehmen, das der baden-württembergische Schuhhersteller Salamander’und die Leningrader Schuhfabrik Nr. 2 „Proletarischer Sieg“ im vergangenen Jahr gegründet haben. In Leningrad ist es häufig kalt oder naß; neun Monate im Jahr müßte man deshalb Stiefel anziehen. Die Planwirtschaft aber konnte diese Bedürfnisse bislang nur unzureichend befriedigen.

Jetzt wollen die Sowjetfunktionäre ihre Wirtschaft modernisieren und auch die Konsumgüterindustrie ausbauen. Dazu wird westliches Knowhow benötigt.

Wegen der ungewöhnlichen Schwierigkeiten eines joint venture liegt es auf der Hand, die sowjetischen Arbeiterinnen und Arbeiter erst einmal das fertigen zu lassen, was sie gelernt haben: Herrenhalbschuhe. Denn die werden auch in der Schuhfabrik Nr. 2 hergestellt, woher die 830 Werktätigen in Lenwest überwiegend stammen.

Das gilt auch für den Verwaltungsratsvorsitzenden des Gemeinschaftsunternehmens, Vladimir G. Kolovaj. Er ist gleichzeitig Direktor der Schuhfabrik Nr. 2. Neu hinzugekommen sind die Deutschen, der stellvertretende Generaldirektor und der Betriebsleiter von Lenwest. Neu ist auch der sowjetische Generaldirektor von Lenwest, Vladimir Gorodnij. Unter dem flotten Trench trägt er einen gutgeschnittenen Anzug, am Revers prangt kein Parteiorden, sondern eine Lurchi-Anstecknadel, Markenzeichen von Salamander. Das größte Problem besteht im Moment darin, rechtzeitig das Material für die neuen Schuhmodelle zu besorgen, vom Leder bis zum Kleber. Vorhanden sind in der rohstoffreichen UdSSR alle benötigten Materialien, doch sie müssen von Zulieferfirmen aufbereitet und vor allem termingerecht zu Lenwest gebracht werden. Kolovaj leugnet nicht, daß dem vor allem der schwerfällige Staatsapparat oft im Wege steht. Zugeknöpfter wird er hingegen bei Fragen nach den Modalitäten des Gewinntransfers für den deutschen Partner; für Geschäftsleute eines der zentralen Probleme bei joint ventures mit den Sowjets.

Vorstandschef Franz-Josef Dazert bestätigt, daß Salamander die Modelle des roten Modezaren Slawa Saizew in der Bundesrepublik vermarkten wird. Die Kleider des Moskauer Modeschöpfers sollen bereits in diesem Jahr bei der Münchner Modewoche gezeigt werden. Offenbar holt sich Salamander damit zumindest einen Teil des Gewinns per Kompensationsgeschäfte. Ein anderer Teil soll durch Verkauf der Lenwester Schuhe in Drittländer transferiert werden:

„Internationale Preise“ sollen ohnehin auch auf dem sowjetischen Markt gelten. Ein Paar Herrenhalbschuhe sollen sechzig Rubel (180 Mark) kosten; bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von etwa 200 Rubeln für Arbeiter und Angestellte ein stolzer Preis. Unschlüssig ist sich hingegen die Führungsspitze von Lenwest noch über die Frage, ob sie die Leistungsbereitschaft ihres Personals durch Prämien, etwa in Form von Lurchi-Schuhen, steigern soll. Zunächst wehrt Kolovaj entsprechende Fragen mit Hinweis auf die Segnungen des Sozialismus, wie etwa Betriebskindergärten, ab. Doch er räumt ein, daß Prämien diskutiert werden.