Ausgezeichnet: Ror Wolfs Radio-Ballade über „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika“

Von Martin Ahrends

Mein erstes eigenes Radio war ein sogenannter Detektor, ein kleiner schwarzer Kasten, der ganz ohne Strom auskam; auf der einen Seite konnte man den Kopfhörer einstöpseln, auf der anderen Seite eine möglichst lange Wurfantenne. Die spannte sich über zehn Meter von meinem Zimmerfenster zur gegenüberliegenden Birke und lauschte in den nächtlichen Äther, während ich drinnen unter der Bettdecke hörte, was eigentlich für die Erwachsenen bestimmt war: richtig ernstgemeinte Hörspiele. Da wurde geschlichen und gerannt, geflüstert und gebrüllt, gelacht und geschluchzt, und stets ging es um mehr als ums Schluchzen und Flüstern. – Eine Geschichte deutlich hörbar zu machen, das war schon die ganze Hörspielkunst. Das Hörspiel war in einer ähnlichen Lage wie die Malerei vor der Photographie; das Theater vor dem Kino; denn Fernsehen gab es noch kaum.

Ein paar Jahre später hatten auch wir ein Fernsehgerät, und man wollte nicht mehr nur hören, was man auch sehen konnte, das Hörspiel mußte, um sich zu behaupten, „künstlerisch“ werden. Sein Publikum schrumpfte, ich selbst habe seit den Detektorjahren kaum mehr ein Hörspiel gehört. Was nun, nachdem es das Fernsehspiel gab, Hörspiel-Kunst sein mußte, erschien mir zu oft als künstlich, als eine Vernebelung und Verzerrung der Hörbilder, die als schlicht deutliche den Fernsehbildern offenbar unterlegen sind. Zumindest für jene, die sehen können.

Für blinde Menschen allerdings behielt das Hörspiel seine ursprüngliche Funktion als hörbares (Schau-)Spiel. Seit siebenunddreißig Jahren gibt es den angesehenen Hörspielpreis der Kriegsblinden, derjenigen, die auf das Hörspiel nach wie vor angewiesen sind. Und die verständlicherweise an einer Ästhetik der Deutlichkeit größeres Interesse haben als an akustischen Experimenten, zumal, wenn sie einzig zu dem Zwecke unternommen werden, bestehende Sendeplätze irgendwie „künstlerisch“ zu rechtfertigen. Die Geschichte dieses Hörspielpreises zeigt die verständliche Skepsis der Blinden gegenüber Innovationen, die ihnen die erhörbare Welt nicht näher bringen, die das visuell Nachvollziehbare, die Hör-Bilder ganz fallenlassen zugunsten reiner Klang-, Geräusch-, Stimm-Kompositionen, zugunsten purer Akustik. Doch auch sehende Hörer sitzen in der Jury, Fachleute, die wiederum der Hörspielkunst zu ihrem Recht verhelfen. Aus diesem produktiven Widerstreit der Interessen hat der Hörspielpreis der Kriegsblinden ein hohes Ansehen gewonnen. So konnte er über Jahre hin – zumindest einmal im Jahr – das öffentliche Interesse auf eine dramatische Gattung lenken, die wohl der physiologischen Dominanz des Gesichtssinnes unterlegen ist, nicht aber der Gattung Fernsehspiel.

Im Gegenteil: Mit dem Blick in den Abendhimmel und die wogende Kiefer vorm Fenster ergaben sich bei den Detektor-Hörspielen ganz andere als die üblichen Fernseh-Erlebnisse, man war beteiligt, doch nicht gefangen, man konnte sich hinausziehen mit den Augen und sich wieder hineinziehen lassen mit den Ohren. Vielleicht ist Fern-Hören das souveränere Erlebnis.

Aufwendiger Ohrenschmaus