Erstmals besuchten Bundesbürger das Kosmodrom von Baikonur

Von Christian Schmidt-Häuer

Baikonur/Kasachstan, März

Die schlechte Aussicht führte zu nüchterner Einsicht. Während die metallene Stimme aus dem Untergrund die ablaufende Zeit zählte, griffen die um ihren Augenschmaus gebrachten Ehrengäste zu Kaviar und Stör statt zum Feldstecher. Erst in letzter Minute verließen die Besucher den schützenden Bus. Zwar hatten sie sich auf Moskaus Öffnungskurs dem sowjetischen Tor zum Weltraum bis auf wenige hundert Meter nähern dürfen. Doch just in dieser – nahezu historischen – Stunde legte sich ein undurchsichtiges weißes Tuch über die Startrampe der Wostok-Rakete. Glasnost fiel einem plötzlichen Schneesturm zum Opfer.

Donnernd fuhr schemenhaft ein Feuerball zum Himmel und verschwand in Sekundenschnelle über dem Wellblechdach der Aussichtsplattform. Das Klatschen kaltgefrorener Hände begleitete einen Erfolg, den die sowjetische Raumfahrt durchschnittlich zweimal in der Woche verbucht – und der diesmal dennoch die Premiere eines Programms war, das Moskau zum Kassenschlager der neunziger Jahre machen möchte. Mit der Entsendung eines indischen Forschungssatelliten in den Orbit startete die Sowjetunion ihr erstes kommerzielles Weltraumprojekt.

Wie ein anderer Stern

Daß der Kreml mit seinen Weltraumtaxis in Zukunft vor allem kapitalkräftige Kundschaft erreichen und vom westlichen Satelliten-Stau profitieren möchte, machte die Einladung an einen hochkarätigen Premierengast deutlich. Mit einer kleinen Delegation war F. Wilhelm Christians in die kasachische Steppe gereist: Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank führte die ersten Bundesbürger auf das bisher so hermetisch abgeriegelte Kosmodrom von Baikonur, das in seiner landschaftlichen Öde selbst schon einem anderen Stern gleicht. Christians freilich erweckte nicht den Eindruck, als habe es ihn auf einen fremden Planeten verschlagen. Er hat sich in langen Jahren daran gewöhnt, in Grenzzonen vorzustoßen. Im Ost-West-Geschäft ist er, was sein sympathischer Ehrenbegleiter, Generaloberst German Stepanowitsch Titow, als Kosmonaut im Weltall war: einer der allerersten Pioniere.