Charlotte Flax spinnt nicht schlecht. Trotz jüdischer Herkunft will sie eine christliche Heilige werden. Ein Kuß und eine Schlittenfahrt versetzen sie in Raserei, doch „das erste Mal“ hinterläßt keine tiefen Eindrücke. Bei scharfer Beobachtungsgabe für die Schwächen ihrer Umwelt begreift sie die einfachsten Zusammenhänge nicht. Nur die Liebe zu ihrer kleinen Schwester kennt keine Phasen partiellen Irrseins. Charlotte Flax ist vierzehn, später fünfzehn Jahre alt und das erklärt alles.

Mit ihrer Mutter ziehen die Halbschwestern quer durch die USA – immer auf der Flucht vor abgelegten Liebhabern, immer auf der Suche nach Erfolg und ruhigeren Zeiten. In einem kleinen Ort im Massachusetts der sechziger Jahre mit einem Nonnenkloster als Experimentierfeld und einem gutaussehenden Hausmeister als Ziel aller sündigen. Sehnsucht scheint sich die Hoffnung zu erfüllen. Aber zunächst muß ein turbulentes Jahr bewilligt werden, das die junge Ich-Erzählerin schnoddrig-distanziert und berstend vor Neugier auf das Leben an sich und dem Leser vorbeiziehen läßt.

Die Milieuschilderungen einer US-Kleinstadt und die erbarmungslosen Analysen rastloser Ratlosigkeit der Eltern-Generation behalten immer den nötigen Rest Unverstand, Naivität und subjektiver Bewertung der Geschehnisse, um als Weltsicht eines frühreifen Teenagers Authentizität zu erreichen.

Die religiösen Phantasien eines jüdischen Mädchens, das gern eine christliche Heilige sein ... möchte, kommen ohne blasphemische Kommentare und Reaktionen nicht aus. Sie bewegen sich dicht an sexuellen Phantasien, was der Ich-Erzählerin kaum, der Autorin natürlich durchaus bewußt ist. Das mehr in der Vorstellungskraft als in der Realität wirksame Liebesverhältnis mit einem beträchtlich älteren Mann bedeutet gleichzeitig Antipode und Erfüllung des Wunsches, „heilig“ zu werden.

Die kleine Schwester, zufällige Tochter eines Spitzensportlers, schwimmt wie der Vater in allen Lebenslagen. Mit sich selbst hoch im Reinen, benutzt sie die Register von US-Konsumwelt und familiärer Chaotik mit dem umwerfend konsequenten Einfallsreichtum der Vorpubertät. Selten ist herzliche Schwesternliebe so überzeugend geschildert worden.

Im ersten Buch der New Yorker Autorin treffen sich – von Irmela Brender vorzüglich übersetzt – zwei literarische Traditionen. Das an englischen Vorbildern entwickelte aufklärende Jugendbuch der Neuengland-Staaten verbindet sich mit Motiven und Stilmitteln jüdisch-intellektueller Emanzipations-Belletristik. Die unnatürliche Kluft zwischen Mädchenbuch und moderner Frauenliteratur ist wieder ein Stückchen kleiner geworden.

Birgit Dankert