Das Geschäft mit den Neuemissionen beginnt wieder langsam

Jahrelang war hierzulande mit Börsenneulingen eine schnelle Mark zu machen. Trotz immer höherer Ausgabepreise gingen die meisten Newcomer weg wie warme Semmeln, die zum Zuge gekommenen Zeichner konnten sich innerhalb weniger Tage über erkleckliche Kursgewinne freuen. Doch seit dem Crash vom vergangenen Oktober kam das einst so florierende Geschäft mit Neuemissionen zum Erliegen. Zahlreiche Unternehmen legten ihre Börsenpläne erst einmal auf Eis, um bessere Zeiten abzuwarten. Die scheinen nun angebrochen zu sein. Denn mit Volkswagen (VW) in Wolfsburg, der Deutschen Verkehrs-Kredit Bank (DVKB) in Frankfurt und dem Heidelberger Versicherungsmakler Marschollek, Lautenschläger und Partner (MLP) gehen nach fünfmonatiger Pause gleich drei Gesellschaften an den Börsenstart.

Obwohl 1987 insgesamt 19 Unternehmen zum Kurswert von 1,77 Milliarden Mark an die Börse gebracht wurden, zeigten die Neuemissionen bereits Ermüdungserscheinungen. Im Jahr zuvor waren es noch 27 Firmen, für die insgesamt 4,89 Milliarden Mark bereitgestellt wurden. Darunter befanden sich freilich mit Feldmühle Nobel und Viag gleich zwei schwere Brocken, die aber Qualität aufwiesen. In den Reihen der letztjährigen Börsendebütarnen waren hingegen nur wenige bekannte Adressen zu finden. Zu den Ausnahmen zählten der Rasenmäher-Hersteller Sabo, der Maschinenbauer Jagenberg sowie die Einzelhandelskette co op.

Kurz vor dem Börsenkrach gab Linotype, Produzent von Photosetzmaschinen und Kommunikationssystemen, seine Visitenkarte ab. Die mit einem Betrag von 600 Millionen Mark drittgrößte Emission seit 1983 geriet bereits zu einer Enttäuschung. Trotz großer Vorschußlorbeeren lag die erste Notiz nur um zwanzig Mark über dem Ausgabepreis von 500 Mark.

Bei einigen Neulingen konnten indessen nicht einmal die Spesen verdient werden. Aktien wie Hertel, Hornbach, Glunz, Stixi oder Moksel notierten am ersten Handelstag exakt zu ihrem Zeichnungspreis und gerieten in den Wirren des Börsenkrachs stark unter die Räder.

Daß die Newcomer in der Endphase des goingpublic keine großen Sprünge mehr unternahmen, hatte einen einfachen Grund: Die Ausgabepreise wurden viel zu hoch angesetzt, so daß die Chancen für einen Kursanstieg von vornherein gering waren. In den Turbulenzen nach dem 19. Oktober 1987 traf es jene Aktien besonders, deren Preise allzu großzügig festgesetzt worden waren. Während substanz- und ertragsstarke Standardtitel wie etwa Bayer oder BASF knapp 25 Prozent ihres Wertes verloren, schmolz der Kurs nicht weniger Börsenneulinge um 40 bis 50 Prozent dahin. Abgesehen von Ausnahmen rutschte das Gros der Aktien, die 1987 erstmals an der Börse notiert wurden, weit unter ihren Emissionskurs. Kein Wunder also, daß viele Unternehmen ihre Pläne für das going-public zurückstellten und auf ein besseres Klima setzten, um die Börse als Finanzquelle nutzen zu können.

Die Zeiten, Neuemissionen unters Volk zu bringen, sind auch nach der jüngsten Erholungsphase sehr schwierig geworden. Schließlich hat das Vertrauen in die Aktienanlage in den vergangenen Monaten arg gelitten. Weil das blindwütige Zeichnen von Novitäten vorerst der Vergangenheit angehört, sind die Börsenaspiranten sowie die begleitenden Banken gehalten, die Preisforderungen auf ein gemäßigtes Marktniveau zu senken. Das haben so prominente Vorgänger wie Nixdorf, Henkel oder Porsche weiland auch getan und fuhren sehr gut damit. Da die Börse viel von ihrer früheren Aufnahmekraft verloren hat, können die Anleger nur durch günstige Ausgabepreise oder attraktive Renditen zu Käufen verlockt werden.