Wer zur Zeit für ein oder zwei Tage in Paris ist und nicht zu (mindestens) einer Kunstausstellung geht, der muß krank oder blind oder selber sehr bedeutend sein: Das Angebot der großen, singulären Ausstellungen ist so immens, daß Augen und Füße es kaum zu bewältigen vermögen.

Da ist zunächst und vor allem die große Degas-Retrospektive im Grand Palais: Der Künstler, der „illustre et inconnu“ zugleich sein wollte, der sich für die Impressionisten einsetzte und gegen die „tyrannie de la nature“ polemisierte, der auf den ersten Blick so zärtliche Verehrer der kleinen Balletteusen, der um des Bildaufbaus willen die weiblichen Körper so verkürzte, zerdehnte und maltraitierte wie ein erfahrener Lustmörder, er wird hier mit all seinen Widersprüchen, seiner ganzen kühlen Künstlerintelligenz sichtbar wie nie zuvor.

Über die Straße hinweg der Antipode, der dazu kaum taugte: Franz Xaver Winterhalter, 1805 in Menzenschwand in Baden-Württemberg geboren, war der Lieblingsportraitist an den Höfen von Paris, London und Wien. Er malte die schöne Kaiserin Sissy in stolzer Einsamkeit, die schöne Kaiserin Eugenie umgeben von ihren schönen Hofdamen und die etwas weniger schöne Königin Victoria im Négligé für ihren lieben Albert. Winterhalter ist ein Virtuose des Nichts, und wenn Degas (der vor Jahren in einer Ausstellung des Second Empire mit einem seiner frühen Doppelporträts neben Winterhalter zu sehen war) erst den Frauenkörper zeichnet, um ihn dann anzuziehen, so muß man bei Winterhalter feststellen, daß er über all der Ausstattung gar nicht erst zum Inhalt kommt.

Noch ein Kontrastpaar: Der junge und der alte Picasso. Das Musée Picasso zeigt – eine kostbare Leihgabe, die nie wieder verschickt werden soll – die „Demoiselles d’Avignon“ aus dem New Yorker Museum of Modern Art zusammen mit rund hundert Studienskizzen, Zeichnungen, Bildern, Skizzenbüchern und, nicht zuletzt, El Grecos „Vision des Heiligen Johannes“ und Ingres’ „Türkischem Bad“. „Das philosophische Bordell“ nannte der Kunsthistoriker Leo Steinberg Picassos Bild, das als die Inkunabel des Kubismus gilt. Man kann es, Stilgeschichte und Kunstphilosophie hin oder her, auch als ein sehr inhaltliches Programmbild sehen und begreifen – gerade im Musée Picasso, das die Arbeitsperioden des Künstlers mit den jeweils dazugehörigen Damen identifiziert und vorstellt. Und da ist man dann auch gleich in der Ausstellung des Centre Pompidou: „Le dernier Picasso“, die letzten Jahre von 1953 bis 1973. Der Maler und sein Modell, die Bilder, die sein Atelier zeigen, seine Arbeitsstätte, und, eine Stufe weiter, die beiden Aktionisten, den Maler, der sein Thema und Opfer mal zärtlich und mal brutal umwirbt, das Modell, das in der Fülle seiner Körperlichkeit triumphiert. Ein typisches Sujet: „Der Raub der Sabinerinnen“. Wer da wen vergewaltigt, das ist zumindest offen.

Ein Fremder in Paris: Der Junge Vincent van Gogh, dessen Pariser Zeit (1886-1888) jetzt im Ausstellungsraum des Musée d’Orsay zu sehen ist. Bilder und Zeichnungen nicht nur von van Gogh, sondern auch von Monet, Seurat, Bernard und Toulouse-Lautrec, die den alle Richtungen der modernen Malerei durchexerzierenden jungen Künstler anregten.

Paris – die Metropole der Kunst? Wenn man weiß, daß die Amerikaner die „Demoiselles“ schon 1939 kauften und Frankreichs Museen zu Lebzeiten Picassos nur eine knappe Handvoll Bilder von ihm erworben hatten (die Bestände des Musée Picasso fielen dem Staat als Erbschaftssteuer in den Schoß), wenn man im Musée d’Orsay die endlosen Namen der Spender liest, dann weiß man, daß das offizielle Frankreich die Lebenden immer gern übersehen und sich die Überlebenden hat schenken oder vererben lassen. Kein Wunder, daß der wichtigste lebende Künstler, der zur Zeit in Paris zu sehen ist, ein Amerikaner ist: Cy Twombly (im Centre Pompidou). Aber diese Rechnung scheint ebenso aufzugehen, wie jene andere: Trotz erschreckend hoher Eintritts- und Katalogpreise (der Eintritt in die erwähnten Ausstellungen kostet bis zu 30 Francs, die Kataloge zwischen 220 und 360 Francs) sind die Ausstellungsräume überfüllt, die Verkaufsstände belagert, (van Gogh bis zum 15. Mai, „Demoiselles d’Avignon“ bis zum 18. April, „Le dernier Picasso“ bis zum 16. Mai, Winterhalter bis zum 7. Mai, Degas bis zum 16. Mai). Petra Kipphoff