Von Christine Nöstlinger

Rückblickend – und im Stil des Originals – ist zu klagen: „Wehe-wehe dem Autor, der leichtfertig einen Auftrag übernimmt! Ihm wird es nie gutgehen bei dieser Arbeit, und früher oder später wird er es bitter bereuen müssen! Das ist eine große Wahrheit!“

Ich gestehe: Als ich den Auftrag annahm, über den PINOCCHIO „ein bißchen drüberzugehen“, hatte ich vom Text, den ich da „aufpolieren“ sollte, keine Ahnung, aber, wie das Unwissenden zu eigen ist, viel Zuversicht.

Was sollte da auch schon schwierig sein? Der hölzerne Pinocchio am Nachtkastel meiner Tochter war ein spaßiger Kerl! Collodi war Freiheitskämpfer, liberaler Journalist und Italiener gewesen! Italiener lieben die Kinder und das Leben! Und der verehrte Federico Fellini hat über PINOCCHIO einmal gesagt: „Pinocchio ist wahrhaftig Italiens großes Buch. Für mich ist es größer als Manzonis ,Verlobte‘. Ein Buch, das nie aufhört, uns zu nähren, uns zum Staunen zu bringen, uns zu trösten: ein kleines, so vollkommenes Universum mit seinen Gesetzen, die wir nie mehr verleugnen werden.“ Vielleicht, dachte ich hoffnungsfroh, ist da gar nichts aufzupolieren, vielleicht kann ich dem lieben Auftraggeber nach vollbrachter Lektüre ehrlichen Herzens versichern, es wäre ein Verbrechen, an diesem „großen“ Buch auch nur das kleinste Wörtchen zu ändern.

Allerdings: Vor vielen Jahren hatte ich den „Zäpfelkern“ voll Abscheu gelesen. Doch diese Bierbaum-Adaption mit ihrer dummen Verwickelung, voller Stammtisch-Patriotismus und bedeutungsschwangerem Symbolgeflecht in gähnlangweniger Sprache und neuromantischer Manier, die konnte man ja nicht Collodi anlasten! Das war eben wieder einmal echt „Teutsch“! Also machte ich mich, als der Auftraggeber heftig anmahnte, heiter ans Werk. Was an Übersetzungen aufzutreiben war, las ich. Dazu noch eine neue Roh-Übersetzung des Originals. Und die ließ ich, mißtrauisch wie ich bin, von meiner, des Italienischen sehr mächtigen Tochter, kontrollieren und absegnen.

Bleich hockte ich hinterher da und kaute mir ratlos den Nagellack von den Fingern. PINOCCHIO war mir aus tiefster Seele, von ganzem Herzen, und erst recht vom klaren Hirn her, zuwider! Aber konnte ich mir anmaßen, den „Nationalheros der italienischen Kinder“, der dazu angeblich noch „der Liebling der Kinder der ganzen Welt“ ist, einfach für total beschissen und reaktionär zu halten? „Große“ Bücher, egal wie alt sie sein mögen, sind nie beschissen oder schon gar nicht reaktionär! Ein Buch, das nie aufhört, Herrn Fellini zu nähren, zu trösten und zum Staunen zu bringen, muß Qualität haben; auch wenn sie mir verborgen geblieben war.

Zweifelsgepeinigt machte ich mich ans Umfragen im Bekanntenkreis. Die Leute meiner Generation meinten, PINOCCHIO sei ein zauberhaftes Buch, dessen Story ihnen leider entfallen sei. Jeder erinnerte bloß ein Detail, im Buch kaum eine Seite füllend, und sah dieses als Höhepunkt der Handlung an. Die Generation meiner Kinder beschrieb den PINOCCHIO als grauslich, bedrückend, als Anti-Mutmacher, als Brocken schwarzer Pädagogik. Und heutige Kinder, auf PINOCCHIO angesprochen, erzählten mir überhaupt nur etwas gelangweilt vom Disney-TV-Holzkerl, der mit Collodis PINOCCHIO wenig zu schaffen hat. Doch das Sample meiner Privat-Umfrage hatte ja keinen Anspruch auf Gültigkeit. Unsereiner lebt in Cliquen mit Gleichgesinnten. (Ich kenne – zum Beispiel – auch keinen einzigen Waldheim-Wähler.) Und überhaupt kann man das Urteil über „große“ Bücher nicht den Konsumenten überlassen, sonst liefert man sie dem Trivialen aus, was in unserem Kulturkreis eine Todsünde ist.