Von Günther Mack

Präsidiert von einem frei gewählten Staatsoberhaupt, das dank ausgeprägter Erinnerungslücken wenig Erhellendes beizusteuern hat, beging Österreich den 50. Jahrestag des „Anschlusses“. Das bietet Gelegenheit, den österreichischen Nachbarn an Vergessenes zu erinnern und darüber selbst dem Waldheim-Syndrom zu erliegen, zu vergessen – beispielsweise daß zum Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 nicht etwa die Hitler-treuen „Deutschen Christen“, sondern die Bekennenden Gemeinden im Reichsgebiet dieses Dankgebet zum gottesdienstlichen Gebrauch empfahlen: „Herr, unser Gott, du führst unser Volk durch entscheidende Tage seiner Geschichte. Du läßt unsere deutschen Brüder in Österreich in das Deutsche Reich zurückkehren. Du schenkst unserer Kirche die Vereinigung mit den evangelischen Gemeinden der deutschen Ostmark, die ihren Glauben in jahrhundertelangem Ringen verteidigen mußten. Herr, wir loben deinen Namen und bitten: Leite Führer und Volk nach deinem heiligen Willen, laß deine Gnade groß werden über unserer ganzen deutschen evangelischen Kirche.“

Der Text erschien in der Jungen Stimme, dem für den evangelischen Kirchenkampf im Dritten Reich wichtigen Kommunikationsorgan, das 1941 nicht nur aus Papiermangel eingestellt wurde, freilich auch nicht nur aus diesem Grund erst 1949 die Lizenz zum Neuerscheinen erhielt. Gleich zweimal druckte diese Junge Stimme den Wahlaufruf zum Volksentscheid über den Anschluß: „Nach der Schaffung eines einigen Großdeutschland hat uns der Führer zur Wahl und Abstimmung am 10. April aufgerufen. Die Frage an uns lautet: ‚Bist du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?“ Jeder einzelne Deutsche, gleichviel welchen Berufes oder Standes, gleichviel welchen religiösen Glaubens, hat hier Gelegenheit zu zeigen, daß er sich in seiner deutschen Gesinnung von Niemandem übertreffen läßt.“

Hörte sich so die junge Stimme des Kirchenkampfes an, sieben Monate vor der Reichskristallnicht, drei Jahre nach dem Nürnberger Parteitag: der Rassengesetze? Was war das für ein Kampf, der sich unserer Erinnerung als einer der wenigen Lichtblicke in Deutschlands finsterster Epoche eingeprägt hat, und an dessen, Ende die Kämpfer das Stuttgarter Schuldbekenntnis sprechen? Zwei Taschenbücher führen zurück in diese Zeit. Sie weisen nicht auf eine Triumphstraße. Das erste liegt seit 1985 vor:

  • Hans Prolingheuer:

Kleine politische Kirchengeschichte, 50 Jahre evangelischer Kirchenkampf

2. überarbeitete Ausgabe, 233 S., 14,80 DM.