Sigsten Herrgärd ist ein erfolgreicher Modeschöpfers seien zu ermitteln und zum Test zu bringen.

Öffentliche Menschenjagd - so weit geht nun doch auch Schwedens Aids Politik nicht: Ringners rigoroser Vorschlag wurde einhellig irgendwo zwischen gesundheitspolitischer Katastrophe und Verbrechen verortet. Doch immerhin: Es gibt verbindliche Verhaltensauflagen und namentliche Meldepflicht für symptomlose HlV Infizierte, es gibt die "Absonderung" von Uneinsichtigen - und auch eine teilweise Verpflichtung, Intim- und Spritzenpartner offenzulegen.

Aufklärung und Meldepflicht, Kondomkampagnen und Absonderung gleichzeitig und nebeneinander - Schwedens Aids Politik scheint zu beweisen, was die bayerische Staatsregierung behauptet: daß es gerade die Kombination aus Zwang und Aufklärung, aus Drohung und Hilfe, Angst und Furcht sei, die eine maximale Verhaltensänderung bewirke. Koinzidenz zwischen kalter schwedischer Sozialtechnokratie und bayerisch krachlederner Lust am stärken Staat? Les extremes se touchent? Diese Vermutung läßt sich nur dann aufrechterhalten, wenn man die für die Aids Prävention wesentlichen, in Schweden grundsätzlich verschiedenen gesellschaftlichen Grundlagen ignpriert. Dazu gehört zum Beispiel ganz elementar ein Klima, in dem öffentlich vermitteltes Lernen im Intimbereich möglich wird.

Schon zu Beginn der zwanziger Jahre trug die schwedische Pfarrerstochter Elise Otternsen Jensen das Thema Sexualaufldärung erfolgreich in die bildungsfreudige sozialdemokratische Arbeiterbewegung hinein. Eine durchaus nicht lustfeindliche und auch nicht nur auf sexuelle Monogamie abzielende Aufklärung ist dort fester Bestandteil der Bildung und Erziehung innerhalb und außerhalb der Schule. Die bei uns teils immer noch verbreitete Auffassung, zu viel und zu offene Sexualaufklärung führe zu mehr Ehebruch und zu ungewöhnlichen Sexualpraktiken, stößt in Schweden auf absolutes Unverständnis. Staatlich betriebene Aids Aufklärung konnte deshalb seit 1984 auf einem breiten und stabilen Fundament von Offenheit und Wissen aufbauen.

Auch im Umgang mit sexuellen Minderheiten ist die Bundesrepublik im Vergleich zu Schweden eher ein Entwicklungsland: Schon 1944 wurde dort durch eine Liberalisierung des Sexualstrafrechts ein gesetzlicher Stand hergestellt, der bei uns noch bis 1969 auf sich warten ließ. Gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen sind in Gesetzgebung und Alltag weitgehend integriert - bis hin zum paarweisen Bahnkartenverkauf. Und weil Aids bis heute seine Opfer zu über achtzig Prozent aus der schwulen Bevölkerung holt und deren Kooperation bei der Vorbeugung besonders wichtig ist, kam Mitte 1987 noch ein Gesetz gegen die Diskriminierung von Homosexuellen hinzu. Zeitgleich erhob der bayerische Minister Zehetmayr das "Ausdünnen" von Minderheiten - gemeint waren die Homosexuellen - zu einem politischen Ziel.

In Schweden können also die Zielgruppen und Probleme der Aids Prävention unverklemmt beim Namen genannt werden: Neun von zehn jungen Frauen und Männern kennen mit 20 Jahren den Geschlechtsverkehr aus eigener Erfahrung - überwiegend mit mehreren Partnern, wobei insbesondere bei Heranwachsenden jede neue Verliebtheit und Beziehung als treu und monogam erlebt wird. Sexualwissenschaftler nennen dieses Verhalten auf der Suche nach der Beziehungs- und Geschlechtsidentität die Phase der "sequentiellen Monogamie". Auch von den Männern und Frauen in festen Beziehungen verläßt jeder zweite gelegentlich die Monogamie. Jeder fünfte der 18- bis 30jährigen hatte in den letzten sechs Monaten Sex mit mindestens einem mehr oder weniger unbekannten "Zufallspartnern".

Wenn in all diesen Fällen Aids Aufklärung moralisierend auf "Treue" statt auf Kondombenutzung setzt, so kann dies zur tödlichen Falle werden. Denn viele der derart Angesprochenen fühlen sich durchaus treu. Der Verweis auf die Monogamie ist etwa so sinnvoll und effizient wie der Vermerk auf der Zigarettenpackung: "Der Bundesgesundheitsminister: Rauchen schadet Ihrer Gesundheit!"