Auf dem Geländer der schmalen Brücke über die Limmat liegt eine gebrauchte Spritze – ein makabrer Wegweiser zum Platzspitz. Die Platzspitzpromenade auf der schmalen Halbinsel zwischen Limmat und Sihl ist der größte öffentliche Treffpunkt der Fixer in Zürich. Bärtige Hippies stehen dort herum, junge Mädchen, Punks und alte Fixer mit harten Gesichtszügen. „Bruuchsch öppis?“ (Brauchst du etwas?), fragen die Kleinhändler und Schlepper. Heroin, Kokain, Haschisch, Pillen: Es gibt alle gängigen illegalen Drogen. Die Qualität ist schlecht, die Preise sind hoch. Ein paar der „Drögeler“ haben ein Feuer gegen die beißende Kälte entfacht. Eine blonde Frau mit einem Walkman tanzt wie in Trance um die Glut. Am anderen Ufer des Flusses streben die wohlgenährten und feingekleideten Zürcher von der Arbeit nach Hause. Sie würdigen die Opfer ihres selbstgefälligen Wohlstandes keines Blickes.

„Bisch wieder duss?“ fragt ein Mädchen einen Punk mit roten Haaren. Er erzählt Geschichten von gemeinsamen Bekannten aus dem Knast. Sie plappert munter, geradezu fröhlich daher. Nur in ihr Gesicht darf man nicht schauen: Die bleiche Haut ist von roten, aufgedunsenen Schwären überzogen. Sie hat Aids. „Born to be wild“ steht auf ihrem Sweatshirt.

Gut 5000 Opiatabhängige leben nach Schätzungen von Drogenberatern allein in der Region Zürich; im ganzen Land sind es rund 15 000. Zürich, die größte Stadt der Schweiz, hat im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Junkies als jede Großstadt der Bundesrepublik.

Als Fixer, Dealer und häufig Stricher kriminalisiert und sozial geächtet, führen sie ein ruinöses Leben: no future. Auch ohne Aids sterben Jahr für Jahr in der Schweiz weit über hundert Drogenabhängige, zumeist an einer Überdosis. Sind ihre strapazierten Körper erst mit dem Aids-Virus infiziert, bricht die Krankheit schnell aus. Auch die vorsichtigsten Schätzungen gehen von über fünfzig Prozent „Positiven“ unter den Fixern aus. Das Drogenproblem scheint durch Aids eine gespenstische Endlösung zu finden.

Die meisten Zürcher Drogenexperten vertreten die Ansicht, daß der Pathologie-Professor Gonzague Kistler einen beachtlichen Teil der infizierten Zürcher Fixer auf dem Gewissen hat. Der Kantonsarzt hatte jahrelang jede Spritzenabgabe an Junkies verboten. Im Februar 1986 dann erließ er eine Verordnung, nach der Ärzte und Apotheker nur eine Spritze pro Woche an Heroinabhängige mit „Fixerausweis“ ausgeben durften – wohl zur gemeinsamen, wiederholten Benutzung? „Ganz gewiß hat sich noch kein Drogenabhängiger von seiner Sucht befreit, nur weil er keine saubere Injektionsspritze zur Hand hatte“, erkannte damals selbst die konservative Neue Zürcher Zeitung. Dr. Kistler hingegen bedrohte Ärzte und Apotheker, die nach wie vor steriles Injektionsmaterial an Drogenabhängige verkauften, mit dem Patententzug. Obgleich die Standesorganisation „Ärztegesellschaft“ und die Drogenberater heftig protestierten, wurde die Verordnung erst im September 1986 wieder aufgehoben.

Für René war das zu spät. Er ist zum Mittagessen in die „Gassenküche“ gekommen, eine freundlich eingerichtete, von der Stadt subventionierte Baracke. René ist 35 Jahre alt. Vor dreizehn Jahren hat er mit Heroin angefangen. Er hat immer wieder aufgehört – bis zum nächsten Rückfall. Zur Zeit nimmt er kleine Dosen Methadon. Diese Ersatzdroge ist in Zürich bei Ärzten leicht zu bekommen – dank Aids.

„Ich bin eine Art Unberührbarer“, sagt René. „Die Polizei faßt mich kaum mehr an – und wenn, dann mit Handschuhen.“ Auch auf Renés bleichem Gesicht treten deutlich rote Geschwüre hervor; seine Hände sind mit schorfigen Stellen überzogen. „Angesteckt“, sagt er, „habe ich mich im Mai oder Juni letzten Jahres – von einem Typen, der aus dem Knast kam und sehr unsauber war. Ich wußte, daß er positiv war.“