Angela Praesents literarischer Erstling handelt von Verpuppungen, von verkehrten Leben, die sich ändern unter dem Einfluß einer Traumfrau. Von dieser Enkelin der wegemanzipierten femme fatale heißt es gleich zu Beginn: „Und wenn ich an sie denke, dann sage ich Geschöpf zu ihr. Tatsächlich kam sie mir geschaffen vor, nach einem lang bedachten Plan geschaffen, nicht einfach nur passiert, wie ich.“

Diese „urexotische“ Schöne löst Metamorphosen aus bei dem bedeutenden Astronomen Constant, der zugleich als „Au contraire“, Stadtidiot von Rouen, die Leute mit seiner kopfstehenden Ausdrucksweise amüsiert, und beim Erzähler selbst, einem über New York in die Provence geflüchteten deutschen Maler, der sich, verstört von ihrem vollendeten Körper, auf den Namen Jonas Schlendrian Fürchteweib Schmalhans Farbenreich Bodenlos Unbegriff tauft.

So sind die Verpuppungen von Entpuppungen begleitet, von der Offenlegung der lädierten Innenwelten zweier Männer, die nicht mehr zupacken und festhalten können, was sie begehren. Aber auch Einblicke in das obskure Objekt ihrer Begierde werden möglich, in eine Frau, die als „Nichtschnüfflerin“ bizarre Eindrücke, aussterbende Fertigkeiten und kuriose Männchen sammelt, um sie wie Schmetterlinge aufzuspießen und einer psychischen Vivisektion zu unterziehen.

Das Buch ist Beichte und Selbstverständigungsversuch eines ihrer Untersuchungsobjekte und seinerseits eine im besten Sinne exotische Lektüre. Denn Angela Praesent, die schon als Herausgeberin der Rowohlt-Reihe „neue frau“ eine glückliche Hand bewiesen hat, schreibt nicht von außen über einen Maler, sie läßt ihre Figur vielmehr eigenhändig Miniatur um Miniatur, Skizze um Skizze, Bild um Bild entwerfen, So gewinnt die Geschichte eine visuelle Dichte, eine Eindrucksfülle und Farbigkeit, von der sich die verfilmte und entstofflichte Reflexionsprosa manches Arrivierten eine Scheibe abschneiden könnte. Der Leser geht in die Sehschule, lernt mit und durch andere Augen wahrnehmen und verabschiedet sich am Ende nur widerwillig aus der Gegenwelt der „Luftwurzler“, die seine bodenständige Existenz bereichert hat.

Was der geduldig zuhörendeGesprächspartner dem ratlosen Maler im letzten Satz mit auf den Weg gibt, das möchte man nach diesem Debüt auch Angela Praesent raten: „Tu, was du längst schon tust. Erzähle, für eine Weile.“

Ulrich Horstmann

  • Angela Praesent:

„Au contraire“ Eine Geschichte; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 1988; 134 S., 28,– DM