Von Volker Hage

Viele Schriftsteller aus den Vereinigten Staaten haben – anschaulicher, ernsthafter, vielleicht auch monomaner als die europäischen Autoren, zumal die deutscher Sprache – immer wieder das beschrieben, was ein amerikanischer Literaturkritiker einmal kurz und bündig als post-pill licentiousness bezeichnet hat: als „Zügellosigkeit“ nach Einführung der Pille. Die Veränderungen in der Sexualmoral der sechziger und siebziger Jahre haben gerade in jener Literatur ein starkes Echo gefunden, die von ihrer Tradition her – bis in unser Jahrhundert hinein – eher prüde gewesen ist.

Je stärker das Tabu, desto größer die Lust, es zu brechen. John Updike,. Jahrgang 1932, dessen erster Roman Ende der fünfziger Jahre erschien, entwickelte schnell große Könnerschaft darin, die Liebe über Kreuz, den Ehebruch, die heimlichen Stunden in Motels, im Auto oder am Strand auszumalen. Allerdings stehen solche erotischen Szenen bei ihm nie isoliert da: Zum Ehebruch gehört immer auch Eifersucht, zur Verzückung Verzagtheit, zum Orgasmus die Ohnmacht der Gefühle. An Deutlichkeit lassen diese Passagen freilich nichts zu wünschen übrig.

„Ich denke, wenn man es überhaupt macht, sollte man es ordentlich machen“, sagte Updike anläßlich seines zwölften Romans „Das Gottesprogramm“ in einem Interview, das 1986 in The Literary Review zu lesen war. „Die Viktorianer und viele moderne Schriftsteller haben das Gefühl, man müsse das alles nicht ausführlich schildern, da jedermann ganz genau wisse, was sich abspielt. Aber die Persönlichkeit der Menschen zeigt sich beim Sex genauso wie anderswo. Es ist wichtig zu wissen, wie sie sich dabei verhalten. Es gibt ein gewisses Ausmaß an eigenartigem Sex in diesem Buch, denn es ist eigenartig, mit welcher Begeisterung Roger sich den Ehebruch seiner Frau mit diesem jungen Mann vorstellt und ausmalt.“

In der Tat: eigenartig ist das alles schon – und eine ganz neue Qualität bei Updike. Zum ersten Mal wird in dem Roman „Das Gottesprogramm“ nicht so sehr die Sexualität geschildert, als vielmehr die sexuelle Phantasie. Vollständig heißt der Titel „Das Gottesprogramm/Rogers Version“ (im Original nur: „Roger’s Version“). Was wir zu lesen bekommen, ist die Sicht des Theologieprofessors Roger Lambert auf die Dinge des Diesseits und Jenseits. Bis zum Schluß wissen wir nicht (auch wenn sich die Anzeichen mehren), ob der junge Computerfreak Dale Kohler wirklich ein Verhältnis mit Lamberts Frau hat; gleichzeitig nähert sich der erzählende Professor immer mehr einem allwissenden Erzähler an – und macht dadurch die Frage nur unausweichlicher: Kann man seiner Version der Geschichte trauen?

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Von Sexualität ist zunächst überhaupt nicht die Rede. Eine namenlose Universitätsstadt in Neuengland – Boston könnte Modell gestanden haben – im Jahr 1984, dem Jahr der Wiederwahl Ronald Reagans. Roger Lambert, Anfang Fünfzig, hat sich mit Gott und der Welt eingerichtet. Er fühlt sich wohl an der theologischen Fakultät. Die christlichen Irrlehren sind sein Thema, und er weiß seine Wirkung auf die Studenten einzuschätzen, die er gern ein wenig schockiert: auch er ein kleiner Ketzer, der am liebsten Karl Barth im Munde führt. „In diesem liberalen Institut, in dem gnädig verkommene Unitarier und Quäker den Ton angaben, hatte Barth den gleichen Effekt wie Sex in der Unterstufe: jede Erwähnung kitzelte.“