Für Egon Bahr ist ein neues Zeitalter angebrochen. Ein Zeitalter, das „die Anwendung von Gewalt als ultima ratio der Politik ausschalten muß“, ein Zeitalter, das sich – indem es die Vernichtung der gesamten Menschheit ermöglichte – in der Gewaltanwendung blockierte. Denn wenn der Einsatz von Atomwaffen den Vernichtungsschlag des Gegners und damit die eigene Zerstörung zwangsläufig nach sich zieht, erscheint ihr Einsatz undenkbar. Deswegen, meint Bahr, seien „die Dinosaurier des atomaren Zeitalters gar nicht so mächtig, wenn sie ihre mächtigen Waffen nicht benutzen dürfen, weil sie überleben wollen“. Wenn Überlegenheit jedoch sinnlos geworden und Sicherheit nur noch gemeinsam zu erreichen sei, gebe es reale Chancen für Abrüstung und eine Entschärfung des Ost-West-Konflikts.

Immerhin – insoweit hat sich Bahn These bestätigt - haben sich die beiden Supermächte bereits auf den Abbau der Mittelstreckenraketen geeinigt, und wertere Verhandlungen laufen über die Halbierung ihrer strategischen Atomwaffen. Weltweit bildete sich eine starke Lobby heraus, die die Achtung des Einsatzes chemischer Waffen fordert, und selbst die Reduzierung von konventionellen Streitkräften ist in Diskussionsnähe gerückt. Innen- wie außenpolitisch zeichnet sich ein weitgehender Konsens in Abrüstungsfragen ab.

Sind also Bahn Überlegungen „Zum europäischen Frieden“, die er in einem schmalen, gerade hundert Seiten umfassenden Bändchen als Antwort des Westens an Gorbatschow vorstellt, inzwischen common sense Wohl eher nicht. Was vor allem Widerspruch erweckt, ist Bahrs nahezu ungetrübter Optimismus in bezug auf die Chancen eines Konzepts, das Europa einen Frieden in Unabhängigkeit bescheren soll.

Bahr tritt den Beweis seiner These dadurch an, daß er als realistisch hinstellt, was vernünftig ist. Vernünftig wäre es, eine Internationale der „Komplizen der Vernunft“ zu gründen, die systemübergreifend eine „Waffenbrüderschaft gegen den Krieg“ bildet. Vernünftig wäre, die Gefahr des Krieges durch quantitative und qualitative Abrüstung (Bahr nennt den angestrebten Zustand „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“) aus der Welt zu schaffen und in der Folge die Blöcke aufzulösen. Vernünftig wäre auch, die ideologischen Anfeindungen durch eine „Kultur des Streits“ zu versetzen, in der darüber debattiert werden kann, welches „geschichtliche System besser ist, damit der einzelne seine Fähigkeiten in Würde entfalten kann, ohne Gefahr des Untergangs.“

Bahrs manchmal mit pastoralem Tonfall vorgetragene Zukunftsvision („Die Maxime des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts könnte lauten: Da es Krieg nicht geben darf, bereite den Frieden vor.“) wird um so realistischer, je stärker sich das „neue Denken“ in der Sowjetunion verankern kann. Um so mehr sieht Bahr denn auch in Gorbatschow den Friedenspolitiker und echten Reformator. Dabei wird seine Darstellung manchmal frappierend einseitig. Bahr zeichnet enthusiasmiert das Bild des „Visionärs“, der einen Bilderbuch-Sozialismus frei von Dogmatismus, Korruption und Gleichmacherei durchsetzen möchte; er bewundert den Mut und die „Flamme des neuen Denkens“, die den Kreml-Chef die Modernisierung des Landes in Angriff nehmen ließen, und er lobt den Wahlverwandten, der wie er als Protagonist der „unteilbaren Sicherheit“ auftritt. Wer könnte den Wandel besser abreisen als Bahr, wenn er schreibt: „Gorbatschow lehrt diejenigen bei uns, die es nötig haben: Nicht der Riese ist hohl, sondern die Hoffnung auf seinen Zusammenbruch.

Bahr überzeichnet die Möglichkeiten innenpolitischer Reformen, indem er den – gemeinhin als Quadratur des Kreises geltenden – Widerspruch zwischen Demokratisierung im politischen und wirtschaftlichen Leben und dem Festhalten am Machtmonopol der Partei erst gar nicht thematisiert. Außerdem führt Bahr Gorbatschows außenpolitischen Kurs ausschließlich auf dessen Vernunft und Friedensliebe zurück, ohne danach zu fragen, wie weit die außenpolitische Selbstbeschränkung auch aus der Not der inneren Krise erwuchs.

Kein vernünftiger Beobachter kann die Ernsthaftigkeit der außenpolitischen Umorientierung der Sowjetunion in Frage stellen. Doch der Ausgang des Experiments ist bisher noch offen. Seine Möglichkeiten sind noch nicht auszumachen, gewisse Grenzen schon.