Im Jahr 1931 wurde der Weltbühne der Prozeß gemacht, weil Kurt Tucholsky geschrieben hatte: „Sagte ich Mord? Natürlich, Mord. Soldaten sind Mörder.“ Es war wohl weniger die Erinnerung an die zehn Millionen Toten des Ersten Weltkrieges, die damals die Richter von einer Verurteilung abhielt, als die Abstraktheit der Aussage. Und heute reicht immer noch ein sogar abgeschwächtes Tucholsky-Zitat aus, um die Justiz zu bemühen, Im Dezember 1987 mußte sich ein Arzt und Wehrdienstverweigerer vor dem Frankfurter Landgericht „verantworten“, weil er Soldaten als „potentielle Mörder“ bezeichnet hatte. Inzwischen sind zu den 10 Millionen Toten des Ersten noch 50 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges hinzugekommen und danach weltweit weitere Millionen. Als der Arzt in Frankfurt in erster Instanz freigesprochen wurde, zitierte Bild einen Bundeswehrgefreiten mit den Worten „Die Richter sollten sich schämen“. Justizminister Engelhard (FDP) nannte das Urteil einen „ungeheuren Vorgang“, und Verteidigungsminister Wörner kündigte persönliche Initiativen für ein Revisionsverfahren an. Ein beteiligter Richter ist bereits, wie man hörte, gegen seinen Willen versetzt worden. Ein aktueller Zeitpunkt also für das Buch von

Gerhard Zwerenz:

Soldaten sind Mörder,

Die Deutschen und der Krieg

Knesebeck & Schüler, München 1988; 430 S., 39,80 DM.

Mit seinem Anliegen, „zur Entmilitarisierung des deutschen Denkens“ beitragen zu wollen, knüpft Zwerenz an alte (fast vergessene) radikalpazifistische Traditionen, die mit den Namen von Publizisten wie Hans Siemsen, Friedrich Wilhelm Foerster oder Walter Fabian verbunden sind. In seinen Formulierungen nimmt der Autor – wie gewohnt – kein Blatt vor den Mund: „Die deutsche Geschichte ist zum großen Teil Militärgeschichte, und im Dritten Reich verbanden sich Militarismus und deutscher Idealismus zu einer neuen Vernichtungsqualität. Die Wehrmacht war der Höhepunkt platonisch-homosexueller Hörigkeit... Der deutsche Gehorsam ist ein Totenkult.“ Der wichtigste Aspekt des Buches besteht darin, eine oft geleugnete Tatsache, daß nicht nur die SS, sondern auch Soldaten der Wehrmacht, entsetzliche Verbrechen verübt haben, anschaulich zu belegen.

In dieser Einschätzung und auch in der kompromißlosen Zustandsbeschreibung unserer Republik werden noch manche bereit sein, Zwerenz zu folgen: „Unsere ewige Taktiererei nach 1945, unser Opportunismus, unsere Faulheit und Feigheit ließen diese Republik dahin verkommen, wo sie jetzt steht, mit dem Aussehen eines pausbäckigen Wonneproppens, mit abgeschmetterten Gewerkschaften, einer im Kern erschütterten Sozialdemokratie ...“ Höchst problematisch wird es jedoch, wenn der Autor ins Detail geht. „Zwerenz erhebt keine Schuldvorwürfe“, wiegelt der Klappentext vergeblich ab. Schuldvorwürfe werden durchaus erhoben – und zwar massiv, persönlich und pauschal, aber nicht begründet. Sie gelten in erster Linie einer „deutsch-nationalen“ Riege „ehemaliger Wehrmachtsoffiziere“, die „zu Politikern umfunktioniert“ worden seien und mangelnde „Einsicht in ihre damalige Schuld“ zeigten. Da werden Filbinger, Strauß, Dregger, auch Helmut Schmidt in einen Topf geworfen, als diejenigen, „die die Nachkriegszeit mit ihrer Vergangenheit infizierten“. Hier kehrt die alte „Rechtskartell“-Theorie als simple Verschwörungsthese wieder.