Mit einem Geflecht von Beteiligungen bautsich Konzernstratege De Benedetti eine europäische Firmengruppe

Von Friedhelm Gröteke

Wir stehen vor epochalen Veränderungen“, orakelte der italienische Unternehmer Carlo De Benedetti im Dezember. Damals hatte er seine Attacke auf die Société Generale du Belgique bereits geplant. Und als er die Partie um Belgiens größte Finanzholding eröffnete, kalkulierte er einen Einsatz von einer Milliarde Mark bis zum Schachmatt der Gegenspieler.

Inzwischen sind drei Monate vergangen. Aus dem geplanten Blitzkrieg ist eine Materialschlacht geworden, bei der es um Bruchteile von Prozenten geht. Zur Mehrheit fehlt De Benedetti nur noch ein Hauch, aber mittlerweile haben er und seine Finanzfreunde mehr als zwei Milliarden Mark in die Aktienkäufe gepumpt. Carlo De Benedetti macht damit sein bisher größtes und teuerstes Spiel.

Vor zehn Jahren hatte er den Büromaschinenhersteller Olivetti saniert, vor drei Jahren den italienischen Lebensmittelkonzern Buitoni. Vor zwei Jahren gründete er die Familienholding Cofide, inzwischen eine Schatztruhe mit mehr als zwei Milliarden Mark Anlagevermögen. Wenig mehr als ein Jahr brauchte De Benedetti schließlich, um seine neue französische Holding Cerus zu einem der größten Arbeitgeber des Landes zu machen. Ihre Beteiligungsgesellschaften beschäftigen 40 000 Personen. Und eben diese Cerus ist jetzt De Benedettis Hebel, mit dem er das Establishment der Société Generale stürzen und sich selbst auf den Präsidentensessel im Brüsseler Verwaltungspalast an der Rue Royal Nummer 30 hieven will.

Wohl kein zweiter europäischer Selfmademan kletterte in den vergangenen Jahren auf der Stufenleiter des Erfolges so schnell nach oben wie Carlo De Benedetti. Dennoch hat er nie eine Stufe übersprungen. Studium der Elektrotechnik, Lehre bei einer Bank, Verkaufspraxis im väterlichen Betrieb: Damit hatte der junge Carlo rasch die wesentlichen unternehmerischen Kenntnisse von Technik, Finanzen und Vertrieb gesammelt. Organisation, Wagemut und sozialpolitisches Gespür liegen ihm im Blut.

Sein erstes großes Geld verdiente er durch einen Tausch von Fiat- gegen Olivetti-Aktien. Noch heute bewundern die Italiener, wie „Tiger Carlo“ dadurch Großaktionär und Präsident bei dem finanziell ramponierten Olivetti-Konzern wurde. Einige Jahre lang kümmerte er sich hauptamtlich um die Gesundung des heute größten europäischen Konzerns für Büro-Informatik und gliederte ihm andere Unternehmen an, darunter auch die deutschen Firmen Triumph-Adler und Pelikan. Als Olivetti keine Schulden mehr hatte und Gewinn abwarf, erklärte der „Ingegnere“, daß er nur noch siebzig Prozent seiner Zeit für die Konzernleitung brauche. Er könne recht gut auch noch etwas anderes tun. Zum Beispiel einen Nahrungsmittelkonzern von europäischem Format gründen. Mit Buitoni fing er an. Die Gruppe macht heute 2,5 Milliarden Mark Umsatz. Aus einigen anderen Unternehmens-Überbleibseln machte er ganz nebenher eine neue Abteilung für Autozubehör. Mit der Übernahme der Kontrolle bei der französischen Firma Valeo entstand daraus ein neuer kleiner Konzern. Ganz behutsam kaufte er auch Verlagsbeteiligungen und wurde so zum gleichgewichtigen Partner der Mailänder Gründerfamilie im größten italienischen Verlagshaus Mondadori.