An positiven Utopien hat es in der Geschichte der Genetik nie gefehlt. Die Tatsache, daß die Vererbung eine materielle Grundlage besitzt, hat die Forscher in diesem Jahrhundert zu phantastischen Vorstellungen beflügelt; einen Höhepunkt erreichte die Diskussion Anfang der sechziger Jahre, als die Struktur der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure (DNA) entschlüsselt und der genetische Code entziffert wurden. Auf einem Symposium der Ciba Foundation trafen sich 1962 in London siebenundzwanzig der damals führenden Biologen, Soziologen, Anthropologen und Mediziner, darunter sechs Nobelpreisträger, um das künftige Schicksal der Menschheit zu diskutieren.

„Man and his future“ hieß der englische Titel des Symposiumsberichts; auf deutsch erschien er – herausgegeben von Robert Jungk und Hans Josef Mündt – unter dem Titel „Das umstrittene Experiment – Der Mensch“. Viele der Vorschläge, die damals gemacht wurden, wirken aus heutiger Sicht ausgesprochen kühn. Doch die Kühnheit steckt weniger im Gedanken, sondern eher in der Formulierung. Da es heute technisch möglich ist, einige der damals vorgeschlagenen Maßnahmen in die Tat umzusetzen, ist die Sprache gemäßigter geworden. Die Utopie der sechziger Jahre hat uns – zum Teil jedenfalls – längst eingeholt.

Vordenker und Mitinitiator des Ciba-Treffens war Sir Julian Huxley, der führende Evolutionsforscher seiner Zeit und Generaldirektor der UNESCO in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Eröffnungsvortrag war ein Parforceritt durch die Geschichte der Menschheit mitten hinein in eine schöne neue Welt:

„Wir haben das Vorrecht, in einem entscheidenden Augenblick der Geschichte des Kosmos zu leben; jenem, in dem der gewaltige Evolutionsprozeß in der Person des forschenden Menschen seiner selbst bewußt wird. (...) Das bedeutet gleichzeitig eine Ermutigung und eine Bedrohung. Die Bedrohung liegt in der offensichtlichen Unvollkommenheit des Menschen als psychosoziales Wesen; sowohl individuell wie kollektiv braucht er dringend Verbesserungen, und er ist ihrer durchaus fähig. Die Ermutigung ergibt sich aus den tatsächlich bis heute erfolgten Verbesserungen. Wenn eine blinde, opportunistische und automatische natürliche Selektion in einigen Milliarden Jahren aus einem Viroid den Menschen schaffen konnte, was könnten dann nicht die bewußten gezielten Anstrengungen des Menschen in einigen Millionen Jahren schaffen, gar nicht zu reden von den Tausenden von Jahrmillionen, die er wahrscheinlich noch vor sich hat? (...)

Die Bevölkerungsexplosion führt uns zu der grundsätzlichen Frage – so grundsätzlich, daß sie meist gar nicht gestellt wird –, wozu sind die Menschen da? Wie auch die Antwort lauten mag, ob dazu, tüchtiger oder mächtiger zu werden, oder, wie ich vorschlagen möchte, dazu, größere „Erfüllung“ zu finden, klar ist, daß die allgemeine Qualität der Weltbevölkerung nicht sehr hoch ist, daß sie sich zu verschlechtern beginnt und daß sie verbessert werden könnte und sollte. Die Verschlechterung ist auf genetische Defekte zurückzuführen; die damit behafteten Menschen wären infolge der Selektion verschwunden, hätte man sie nicht künstlich am Leben erhalten. Dazu kommt eine Menge neuer Mutationen durch zunehmende Radioaktivität. Beim modernen Menschen hat die Richtung der genetischen Evolution begonnen, ihr Vorzeichen zu ändern, vom positiven zum negativen, vom Fortschritt zum Rückschritt; wir müssen versuchen, die alte Richtung zur positiven Entwicklung wiederherzustellen. (...)

Die Verbesserung der genetischen Qualität des Menschen durch eugenische Verfahren würde eine große Last an Leiden und Qual von den Schultern der Menschheit nehmen und zur Steigerung der Lebensfreude und der Tüchtigkeit beitragen. Ich möchte ein Beispiel geben: Theoretisch könnte der Pegel der allgemeinen Intelligenz durch eugenische Selektion angehoben werden; und selbst ein leichter Anstieg würde einen merklichen Zuwachs an hochintelligenten und tüchtigen Leuten ergeben, die wir brauchen, um unsere immer komplizierteren Gemeinschaften zu lenken. So würde ein Ansteigen des mittleren Intelligenz-Quotienten (IQ) um 1,5 Prozent, also von 100 auf 101,5 bedeuten, daß 50 Prozent mehr Menschen mit einem IQ von 160 und darüber zur Welt kämen.

Für mich ist es eine erregende Tatsache, daß der Mensch, nachdem er seiner Vorherrschaft und seiner zentralen Stellung im Weltall beraubt war und die Rolle eines unbedeutenden Bewohners eines kleinen abseitsliegenden Planeten unter vielen Millionen von Sternen erhalten hatte, jetzt wieder in eine Schlüsselstellung gerückt ist; er wurde zu einem der seltenen Vorläufer oder Fackelträger oder Sachwalter – suchen Sie eine Metapher nach ihrem Geschmack! – des Fortschritts im kosmischen Prozeß der Evolution. (...)“