Das Gespenst geht um, solange es amerikanische Literatur gegeben hat: The Great American Novel. Als quälender Geist hat es Schriftstellern und Kritikern im Nacken gesessen; die einen wollten ihn geschrieben, die anderen entdeckt haben: den Großen Amerikanischen Roman. Bis dann Philip Roth den Titel ein für allemal für sich okkupiert hat. Er hat sich genommen, was er (durch Kritikerlob) nicht kriegen konnte, hat einfach einen seiner (schlechteren) Romane „The Great American Novel“ genannt.

Aber ein Gespenst läßt sich nicht so schnell vertreiben. Die Jagd geht weiter, und wieder hat ein Kritiker der Los Angeles Times „The Great American Novel“ entdeckt; Carol Hills „Amanda“, die Geschichte „der besten Astronautin Amerikas“, die zum Mars fliegen soll und immer unglaublichere Dinge sieht und erlebt. „Amanda“ ist eine sehr exotische, komische und schillernde Pflanze, ein wild wucherndes Gewächs. Ein Roman, bei dem man nie weiß, wo die Physik aufhört und die Phantasie anfängt, in dem es um nichts weniger geht als unser Universum – die fast unverschämte Unbefangenheit, mit der Carol Hill nobelpreisgekrönte Theorien popularisiert und in ihr Universum einarbeitet, der ungebrochene Optimismus, mit dem sie die Menschheit davor warnt, die Welt weiter zu zerstören, und die Naivität, mit der sie ihre Botschaft der Liebe und der neuen Weiblichkeit verkündet – all das ist erfrischend und unterhaltsam.

Brillant erzählt Carol Hill die Quantenmechanik in Form des Romans. Unter den vielen Wesen, denen Amanda begegnet, ist zum Beispiel ein Klecks, der ununterbrochen auf „sein Tittenmäuschen“ Amanda einredet, durch das Spülbecken marschiert und das Abtropfgestell zum Mittag verzehrt. Dieser glitschige, klebrige, sexistische Klecks ist ein Subpartikel auf der Suche nach einem verlorengegangenen Molekül, das, wie sich später herausstellt, der Kater mit der Erdnußbutter verschluckt hat.

So wenig wie Amanda von ihren Schülern, erwartet die Autorin von ihren Lesern, daß sie alles verstehen. Niemand begreife die Quantenmechanik, zitiert sie den Nobelpreisträger Richard Feynman, ja, es gehört zu den zentralen Voraussetzungen der Geschichte, daß es Phänomene gibt, die man beweisen, aber nicht glauben kann, und andere, die man wissen, aber nicht beweisen kann. Carol Hill will, daß uns Hören und Sehen vergeht, damit wir Augen und Ohren öffnen; sie will die Leser wie ihre Schüler „verwirren und ihre Vorstellungskraft herausfordern“. „The Eleven Million Mile High Dancer“ heißt der Roman im amerikanischen Original und im deutschen Untertitel. Mit diesem Bild versucht Amanda ihren Schülern die Relativitätstheorie, das Problem von Raum, Zeit und Wahrnehmung anschaulich zu machen. Anmutig wie diese elf Millionen Meilen große Tänzerin, wie mit Lichtgeschwindigkeit bewegt sich auch Amanda auf ihrer atemberaubenden Traum- und Raumfahrt.

Als „Hexe“ erscheint sie, eine entfernte Cousine von Irmtraud Morgners Troubadora, den einen, den anderen – Relativität der Wahrnehmung – als Traumfrau, „außergewöhnlich, verrückt, phantasievoll, schön, temperamentvoll, talentiert, leidenschaftlich“, wie ihr Vorgesetzter sie beschreibt, eine neue Frau, die ganz bei sich zu Hause ist. In jeder Beziehung das Gegenteil von Jim Harrisons Titelfigur. „Ein wirklicher Held“ ist natürlich in Wirklichkeit kein Held, sondern ein schon etwas schwabbeliger Zweiundvierzigjähriger, der sich an das Männerbild seiner Pfadfindertage klammert.

Johnny lebt hinterm Mond, und zwar auf der Seite, auf die die Astronautin bestimmt nicht fliegt. Harrison fordert seinen Leser auf, Fakten selbst nachzuschlagen. „Johnny selbst besaß nur die 14. Auflage der Encyclopedia Britannica von 1929, um nicht all die abschreckenden Photos von Düsenkampfflugzeugen sehen zu müssen oder die Modelle von Atomen, die sich, mit verheerenden Folgen, spalten.“ Drei Dinge braucht dieser Mann: Fressen, Saufen und Huren. Beständig muß er seine Kunststücke als Sexakrobat vorführen, so wie sein Schöpfer sich beständig als Artist der Sprache unter Beweis stellt. Beifall wollen sie beide.

Als der verrückte Arzt, Chef und Liebhaber von Johnnys (hübscher, intelligenter und feministisch engagierter) Frau, den arbeitslosen Versager mit zwei akademischen Titeln als seinen privaten Detektiv anheuert, nimmt die Parodie ihren Lauf. Seinen Assistenten und „schwachsinnigen Seelenbruder“, ein sexuell perverser Hund, nennt Johnny einmal Rosinante – was ihn selbst aber noch nicht zu Don Quijote adelt. Sicher, auch Johnny hat zuviel gelesen, „Superman“, Hemingway (in dessen Heimat die Geschichte spielt), Krimis und Playboy. Aber er wirkt nur lächerlich, kaum liebenswert; vielmehr ist es Harrison, der Autor selbst, der gegen Windmühlenflügel zu kämpfen scheint. Ist das saftig geschriebene, pralle Buch anfangs noch vergnüglich zu lesen, macht die ständig absurder werdende Geschichte immer wütender. Harrisons satirische und parodistische Schüsse zerplatzen, wie aus der Kinderpistole geschossen, mit viel Krach in der Luft, weil die Zielscheibe in der Wirklichkeit wie in der Literatur längst fehlt.