ZDF, Montag, 14., Dienstag, 15. und Donnerstag, 17. März: „Sexualität heute“

Sexualität heute“ – gibt’s die im Fernsehen? O ja, man denke an die treffliche Erika Berger in RTL plus und an die rosa Serie daselbst und im DDR-Programm. Das öffentlich-rechtliche TV bietet amerikanische Action-, französische Kriminal- und skandinavische Problemfilme, in denen es immer wieder mal zur Sache geht. Dann haben wir die Werbung und die eine oder andere Show wie beispielsweise kürzlich Lea Roshs Talk-Runde im Dritten Nord, wo das Thema Nr. 1 beraten ward. Doch, Sex kommt im Fernsehen vor, nicht täglich, aber ungefähr zweimal die Woche.

Das genügt Michael Heuer nicht, dem Autor des Dreiteilers „Sexualität heute“. Letzte Woche war der Film im Zweiten über drei Abende verteilt zu sehen. Heuer wollte es noch einmal wirklich wissen und Sex als öffentliche und intime Angelegenheit, als partnerschaftlich und einsam betriebene, als Last- und Lustquelle allgemein und aktuell abhandeln. Und die Tatsache schließlich, daß die Sendung vor Jahr und Tag wegen angeblich anstößiger Szenen abgesetzt wurde, sicherte ihr ein gewisses Extra-Interesse. Wir haben sie gesehen, und was haben wir erfahren?

Daß es so nicht geht. Daß in dem Moment, in dem aus Sex ein „Thema“ gemacht wird, das „aufbereitet“, in seine Aspekte zerlegt, von sogenannten Experten kommentiert und anhand von sogenannten Einzelschicksalen dokumentiert wird, die im Wortsinn tote Hose alles ist, was übrigbleibt. Sexualität läßt sich in einem populären visuellen Medium schwerlich allgemein behandeln oder gar analysieren – man erwischt sie nur in actu, wenn überhaupt. Sie entzieht sich nun mal Darstellungsformen wie Feature oder Reportage, dazu ist sie immer noch zu mysteriös. Selbst die Suggestion der Bilder erlischt, wenn der Gegenstand abstrakt wird. Erst recht dann, wenn mit der Darbietung sogenannter Menschen wie du und ich die verhängnisvolle Pseudo-Konkretion vorgeführt wird. Die nämlich verbindet Banalität nicht mit Beispielhaftigkeit, sondern mit Beliebigkeit.

Wir sehen ein Durchschnittspaar, das ins Bett geht und es zum Durchschnittskusse kommen läßt. Wir sehen Professor Hans Maier, den Katholen-Chef, der uns zur Freiheit rät in Sachen Sex und damit meint, daß wir uns vom Triebe nicht nötigen lassen sollen. Wir hören den Autoren-Text aus dem Off: „Die Merkmale einer Leistungs- und Konsumgesellschaft spiegeln sich im Privatleben.“ Wir sehen ein spanisches Paar, das Flamenco-Figuren tanzt und sich Blicke zuwirft. Wir sehen Rita Süssmuth hinter einer Vase mit Rosen, und sie sagt: „Nicht nur Freiheit, auch Verantwortung ...“ Wir sehen eine Schulklasse, die vor einem Aktgemälde diskutiert. Wir hören Dorothee Sölle, die erklärt: „Liebe ist immer wahrer als Null.“ (Das habe ich auch nicht verstanden). Ein Ehepaar wandelt auf der Straße einher. Es heißt Hentschel und spricht vor der Kamera über sein intimes Leben. Die Frau sagt: „Sex ist insofern für mich sehr wichtig.“ Wir sehen den Rote-Laterne-Bezirk und eine blonde Nutte. Sie sagt, sie, hilft den Männern. Die Hentschels steigen in ihr Wohnmobil und fahren in den Urlaub. Abends halten sie an, und Frau Hentschel zieht die Jalousie runter. Der evangelische Theologe Dr. Hartmut Löwe und noch andere Würdenträger äußern sich bündig vor Bücherregalen. Dann sehen wir Karin, wie sie ihren Eisschrank öffnet: Sie ißt aus Frust, denn sie hat keinen Schatz. Und – halt! rufen Sie jetzt, und ich verspreche: nur noch einen Spot! Wir sehen Menschengewühl auf einer belebten Straße, ja, ja, eine Umfrage, und die Frage lautet: „Was bedeutet Sex für Sie?“ Ein beherzter älterer Herr antwortet: „Soll das’n Witz sein?“ Er meint seine Jahre, hat gleichwohl den einzig richtigen Kommentar zu der Veranstaltung „Sexualität heute“ abgegeben.

Wir haben also erfahren, daß es so nicht geht. Wie dann? Vielleicht gar nicht. Wer gegen die Televisionierung der Welt ist, das heißt gegen die Betrachtung und Wertung sämtlicher Phänomene nach Maßgabe ihrer Eignung, im Fernsehen gute Figur zu machen, freut sich natürlich, wenn es eine Sache gibt, die sich nicht fernsehgerecht aufbereiten läßt. „Sexualität heute“ gehört dazu. Sexualität im allgemeinen gibt es eben bloß als Idee. Als solche ist sie verhandelbar – aber nicht im Fernsehen. Zwischen Idee und Bild ist’s halt doch ein Unterschied, obwohl erstere etymologisch von letzterer abstammt.

Und noch was haben wir erfahren: Der Akzent im „Spannungsverhältnis“ von „Freiheit und Verantwortung“ liegt schwer auf der letzteren. Aids spielt da eine Rolle, aber das ist es nicht nur. Wir leben in sich verfinsternden Zeiten.

Barbara Sichtermann