Eigentlich befiehlt Mellin dem Drachen gar nicht. Auch wenn die „Kleinen Leute“ es glauben. Sie muß ihn nur füttern und dreimal täglich an der Leine ausführen. Der Drache ist kein feuerspeiendes Monster, sondern sehr ängstlich, Er ist groß wie eine Kuh und hat das Gemüt eines Kaninchens, Dem Zauberer Rumpus dient er eher als Haus- denn als Wachtier. Und Mellin geht bei Rumpus in die Lehre. Auch wenn es das noch nicht gegeben hat: ein Mädchen als Azubi beim Zauberchef Mellin lebt im wilden Wald bei den Kleinen Leuten, die das Land bis bin zu den Bergen bewirtschaften. Und hinter den Bergen wohnen die „Anderen“. Nicht Freund, nicht Feind. Sie sind gar nicht so anders, aber früher hat man mit ihnen trotzdem Krieg geführt.

Eines Tages trifft Mellin im Wald einen Jungen von der anderen Seite: Orvil. Der möchte Frieden stiften, wird als Gast aufgenommen und später plötzlich als Spion verdächtigt und sogar verfolgt. Mellins Lehrherr, eher ein Erfinder und Priester als Magier, hat gerade eine Maschine ausgetüftelt: einen Ruder, der in ein paar Stunden ganze Wälder roden kann.

Die Dorfältesten wollen dieses Gerät als Waffe gegen die „Anderen“. Um „wirklichen Frieden“ zu schaffen, sagen sie. Zehn dieser Maschinen, werden gebaut und oben am Berg stationiert. Von da aus könnte man die Dörfer der „Anderen“ mit einem Schlag niederwallen. Aber auch die „Anderen“ haben ihre militärischen Experten. Sie bauen eigene Röder, als Schutz- und Friedenswaffen natürlich. „Einen wirklichen Grund braucht es gar nicht mehr zu geben. Die Angst reicht aus. Die Angst, daß die anderen schneller sein könnten.“

Kirsten Boie verfremdet Wirklichkeit mit Elementen des Phantastischen. Ihr selbstbewußt märchenhafter Erzählton läßt Bilder entstehen, die das Prinzip des Wettrüstens durchschaubar machen: Vom Roderbau profitieren die Dörfler, einige können mehr Eisenerz abbauen, andere bekommen Aufträge zum Schmieden oder überhaupt eine Arbeit. Auch sonst unterscheiden sich die „Kleinen Leute“ im Wald kaum von denen in der Realität: Krieg will niemand. Aber aus Unverständnis für die gegnerische Seite wachsen Vorurteile, aus Vorurteilen Angst, aus Angst Hysterie. Ganz ohne Pathos verdeutlicht die Autorin den aberwitzigen Mechanismus der Rüstung. (Ohne die etwas aufdringliche Belehrung, wie man sie in ähnlichen Kinderbüchern der letzten Jahre finden kann.) Die Parabel bestimmt die Struktur des Textes, aber Spannung und Unterhaltung bleiben dabei nicht auf der Strecke. Mellin tobt mit den Dorfkindern durch die Wälder, wilde Spiele in sommerlichen Nächten – allen Kriegsängsten zum Trotz. Der Schluß ist schöne Utopie: in der Mitte zwischen den Kriegsmaschinen und ihren sich gegenseitig drohenden Mannschaften fassen Mellin und Orvil sich an den Händen. Alle anderen folgen diesem rührenden Beispiel: Kinder, Mütter, Bauern, schließlich die Mitglieder des Großen Rates. Auf beiden Seiten. Dieses „Vorwärtsräumen“ im Blochschen Sinne steht einem Kinderbuch gut zu Gesicht. Schade, daß die belanglosen Illustrationen diesem guten Text merklich nachhinken.

Horst Heidtmann

  • Kirsten Bote:

„Mellin, die dem Drachen befiehlt“

Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg; 160 S., 16,80 DM