Ludwig Güttler– sächsischer Trompeter, Forscher, Dirigent

Von Peter Fuhrmann

Die gegenwärtigen politischen Diskussionen in der DDR hinterlassen überall tiefe Spuren: selbst bei den führenden Künstlern und Ensembles, die dank besonderer Privilegien die Grenzen zwischen Ost und West freizügig passieren können. Doch anders als früher scheuen auch sie nicht länger das offene Wort, die Solidarität mit Verfolgten und Geächteten, das auch weiterhin riskante Eintreten für die freie Meinungsäußerung – ,,Glasnost“ und „Perestrojka“, die neue Richtung.

Der Dresdener Star-Trompeter Ludwig Güttler sprach es beim jüngsten Gastspiel hierzulande ohne jede Umschweife aus: „Wie die Gesellschaft“, meinte er, „sollte auch jede Verwaltung, Regierung oder Staatsgewalt erkennen, daß man die hochsensibilisierten und differenzierten Wahrnehmungen einer Gruppe von Menschen (Künstlern, Schriftstellern und anderen) nicht unterdrücken darf, sondern daß diese geradezu existentiell benötigt werden. Gerade die Hypersensiblen reagieren wie ein Seismograph. Statt sie zu verteufeln, sollten Politiker sich eher deren Anregung nutzbar machen. Keine leichte Aufgabe, weil sinnvolles Aufeinanderbeziehen für manche nicht erlernbar ist. Allmählich sollte man aber erkannt haben, daß die künstlich herausgeputzten Unterschiede vor den fundamentalen Sorgen und Nöten, die heute die Menschheit insgesamt belasten, ziemlich verblassen. Kein Land wäre imstande, jene existenzbedrohenden Probleme allein zu lösen.“

Ludwig Güttler ist Musiker, kein Politiker. Dennoch gestattet er sich die vom offiziellen Sprachkonsens abweichende, aus der eigenen Erfahrung gebildeten Meinung. Als hochdekorierter Künstler (Nationalpreis) und Exportartikel erster Klasse genießt er innerhalb und außerhalb der DDR außergewöhnliches Ansehen. Das Recht zu größerer Offenheit nimmt er für sich in Anspruch. In der Durchführung seiner umfangreichen Tätigkeiten im In- und Ausland und auch privat lassen ihm die staatlichen Stellen freie Hand. Was er seinem Land über den so begehrten Devisenreichtum hinaus einbringt, findet selbst bei unmusischen Funktionären ungeteilten Beifall.

Güttlers Leistungsvolumen ist beträchtlich. Als Professor an der Dresdener Musikhochschule „Carl Maria von Weber“ betreut er seit 1979 eine Meisterklasse. Überdies leitet der 45 Jahre alte Kammervirtuose dreimal jährlich internationale Seminare. Viel Zeit wendet er für die musikwissenschaftliche Quellenkunde auf – nicht nur, um tradierte Notentexte auf Fehler zu überprüfen, vielmehr noch, um das nicht sonderlich große Solo-Repertoire für Trompete anzureichern.

Das Schwergewicht seiner mit Neugier und Unrast betriebenen Arbeit liegt hingegen beim Leipziger Bach-Collegium, dem Dresdener Blechbläser-Ensemble sowie dem Kammerorchester „Virtuosi Saxoniae“, deren Gründer und Leiter er ist. Mit diesen drei sächsischen Gruppierungen reist er durch Stadt und Land, auch die meisten Schallplatten wurden von ihnen und dem überdies dirigierenden Trompeter-Star eingespielt.