Wie die „Welt“ zwischen Fragebögen und Schutt entstand

Von Ben Witter

Nun nehme ich es mal heraus, dieses Stück Nachkriegsgeschichte, und stelle es wieder auf die Bühne, wo es gespielt hat: Die Dekoration bestand damals, im Winter 1946/47, aus einer von Bomben weggerissenen Wand des Treppenhauses, man ging um den Fahrstuhl herum. An jeder Stelle roch es nach Resten, und die Zugluft wirbelte auf, was sie kriegen konnte, hier in dem Verlagshaus des ehemaligen Hamburger Fremdenblattes, der 1828 gegründeten, weltweit bekannten liberalen Tageszeitung, die am 31. August 1944 verboten wurde oder, wie es auch hieß, eingestellt werden mußte.

Eine Tür im zweiten Stock war angelehnt. Dahinter hatte seit 1943 der „Hauptschriftleiter“ Sven von Müller gesessen und kurz vor Schluß jeder Redaktionskonferenz, die immer im Stehen stattfand, verkündet: „Bemühen Sie sich nicht, meine Herren. Ich schreibe den Leitartikel. Eines Tages hänge ich ja sowieso.“

Aber man hängte ihn nicht, den Sven von Müller, Sohn des Chefs des Marinekabinetts des Kaisers, Hauptmann im 1. preußischen Garderegiment zu Fuß, seit 1933 Chefredakteur, Nachfolger von Felix von Eckart sen., vorher außenpolitischer Redakteur der Vossischen Zeitung in Berlin, geschieden von der nach USA emigrierten Filmschauspielerin Mady Christians. Ungefähr vier Jahre nach diesem Winter 1946/47 übernahm er die Niederlassung einer weltbekannten amerikanischen Werbeagentur in Hamburg und stellte seine umfassenden Kenntnisse über das Dritte Reich, dessen Funktionäre und die Presse in allen Einzelheiten Washington zur Verfügung.

Die Türgriffe waren aus Holz und wurden nach außen hin breiter. Wer drückte sie zuerst herunter? Und wie sahen sie aus, die Männer, mit denen die Engländer eine neue Zeitung machen wollten? Von ihren Uniformjacken hatten sie die Metallknöpfe abgetrennt, und wo waren ihre Schuhe und Stiefel nicht schon überall hineingetreten... Das Gedächtnis mußte Auskunft geben über die Wahrheit der Jahre von 1933 bis Kriegsende, die Wahrheit über die Zugehörigkeit zur NSDAP und ihren Gliederungen, die Wahrheit über jede abgedruckte Zeile, wo, wann und wie. Manche gaben ihr Ehrenwort mit Händedruck. Die ersten Verhöre wurden im Plauderton geführt, die angebotenen Zigaretten stopften jeden Magen.

Fragebögen lösten die „Gespräche“ ab. Eine „Zonen-Zeitung“ wollten die Engländer herausbringen. Aus dem Arbeitstitel Der Tag wurde schließlich Die Welt. Vorbild sollte die Londoner Times sein. Ein Verlagsleiter war schon eingestellt worden, Albert Lubisch hieß er, nazigeschädigt und aufgeregt. Er kämpfte gegen die Entnazifizierung, sah nicht in jedem Parteimitglied einen Schädling. In dem Frostwinter 46/47 steckte er seine kalten Füße in einen Sack mit Makulaturpapier und kümmerte sich vorläufig nur ums Ausfegen, Kitten, Zumauern, Reparieren und Entdecken. Für die Redaktion war der Cambridge-Professor Colonel Garland verantwortlich, Germanist, vielseitig genug gebildet; er paßte sogar in die Uniform. Bei Gelegenheit zitierte er Goethe und Heine entweder zur Ermahnung oder Abrundung.