Von Gabriele v. Arnim

Man schrieb den 4. April 1968, als ein gezielter Kopfschuß aus dem Dunkel den Bürgerrechtskämpfer und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King auf dem Balkon seines Hotels in Memphis, Tennessee niederstreckte. Er war 39 Jahre alt. Noch am Abend zuvor hatte er in einer Rede der begeisterten und gerührten Menge zugerufen: „Gott hat mir erlaubt, die Spitze des Berges zu erklimmen und hinüberzuschauen, ich habe das gelobte Land gesehen. Vielleicht kann ich nicht mehr mit Euch dorthin gehen, aber wir als Volk werden es erreichen.“ Zwanzig Stunden später war King tot.

Zwanzig Jahre später hat die Mehrheit der schwarzen Amerikaner noch lange nicht den Zugang zum gelobten Land gefunden. Manchen ist zwar der Durchschlupf durch das von Weißen eng geflochtene Netz der Begrenzung gelungen. Doch 36 Prozent aller Schwarzen sind im Sinne der Statistik arm und das heißt, daß eine vierköpfige Familie von 11 000 Dollar im Jahr leben muß. Vierzig Prozent aller schwarzen Jugendlichen sind arbeitslos, und das Durchschnittseinkommen der Schwarzen beträgt 56 Prozent des weißen Durchschnittseinkommens. Rassismus heißt nicht mehr, wie zu Kings Zeiten, daß man mit abgerichteten Schäferhunden die „Nigger“ jagt, doch wehe ein Schwarzer wagt es, in einer weißen Nachbarschaft zu joggen. Er kann sicher sein, innerhalb weniger Minuten die Polizei auf den Fersen zu haben. Ein Neger, der rennt, so die übliche weiße Meinung, kann nur kriminell sein. Der Mord von Howard Beach, begangen von einer weißen Gang an einem schwarzen Teenager, hat gerade im letzten Jahr noch einmal aufgedeckt, wie gefährdet die scheinbar friedliche Koexistenz von Schwarz und Weiß in diesem Lande ist.

Im Jahr 1963 hielt Martin Luther King auf den Stufen des Lincoln Denkmals in Washington seine berühmt gewordene Rede: „I have a dream.“ Er zeichnete darin das Bild einer freien Gesellschaft, in der die Nachfahren von Sklaven und von Sklavenhaltern friedlich vereint am Tisch der Brüderlichkeit zusammensitzen. Heute läßt es sich zwar der weiße Bürgermeister von Selma in Alabama nicht nehmen, an der Seite des schwarzen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson fotografiert zu werden, doch man lasse sich durch solche Bilder nicht täuschen: Schwarze Aushängeschilder, mit denen die weiße Gesellschaft sich gerne schmückt, haben noch wenig mit der Verwirklichung des Traums zu tun, den King so beschwörend beschrieb. Er hat für diesen Traum gekämpft, und wie hart der Kampf war, das kann man jetzt in einer penibel recherchierten Biographie nachlesen:

  • David J. Garrow:

Bearing The Cross. Martin Luther King, jr. and the Southern Christian Leadership Conference

Vintage Books, New York 1988; 800 S., 10.95 Dollar.