Im literarisch interessierten Europa, sieht man einmal von den britischen Inseln ab, gilt der fünfzigjährige Robert Stone bis heute allenfalls als Geheimtip. Versuche, ihn im deutschen Sprachraum einzubürgern, sind, trotz guter Kritiken für seine beiden ersten ins Deutsche übersetzten Romane „Zerrspiegel“ und „Das Geschrei deiner Feinde“, nicht recht geglückt, und das ist schade. Denn Stone wird in seiner Heimat an Größen wie Conrad, Dos Passos, Faulkner und Hemingway gemessen, und zwar keinesfalls als bloßer Verschnitt von vorgestern.

Daß diese Einschätzungen kaum zu hoch gegriffen sind, zeigt auch Stones zweiter Roman, „Dog Soldiers“ aus dem Jahre 1974; er brachte dem Autor den National Book Award ein. Dieses Buch enthält nahezu alles, was man sich wünschen kann: eine spannende Story mit runden Charakteren, eine immer wieder aus dem Rahmen des Üblichen fallende Sicht menschlicher Antriebe und Beweggründe sowie lakonische Dialoge und konzentrierte Szenenschilderungen.

Nur über eines kann man kaum glücklich sein, nämlich über den reißerischen Titel der Eindeutschung: „Unter Teufeln“ – darin steckt eine Vorab-Banalisierung, wenn nicht gar eine Groschenheft-Verkaufsstrategie, welche weder der Autor noch sein Werk verdient haben; um so mehr deshalb, weil Stone schon vor Jahren erklärte, es gebe „irgendeinen religiösen Impuls in jedem Roman“, den er geschrieben habe. Seine Romane mögen viel mit menschlichen Höllen zu tun haben, mit der Sehnsucht nach Erlösung, nach Befreiung von Drogen, von Gewalt und einem desillusionierenden Diesseits. Aber gerade darum führt der deutsche Titel doppelt in die Irre.

In diesem Buch nämlich gibt es keine „Engel“, die unter „Teufel“ geraten wären. Der Amerikaner John Converse, der Anfang der siebziger Jahre als Journalist in Vietnam lebt, läßt sich in Saigon von einer zwielichtigen jungen Frau drei Kilo Heroin aufschwätzen – schaffe er sie in die Staaten und verkaufe er sie dort, so seien ihm vierzigtausend Dollar Kommissionärslohn sicher.

Aus Gründen, die er später selber nicht mehr begreift, willigt Converse ein und übergibt den Stoff einem alten Bekannten, einem Vietnam-Veteranen namens Raymond Hicks. Als dieser das Rauschgift nach Kalifornien geschmuggelt und Converses dort verbliebene Ehefrau Marge aufgesucht hat, sind ihm (und auch dem kurze Zeit später zurückkehrenden Converse) bereits ganz besondere Profiteure auf den Fersen. Es beginnt eine Flucht über Highways und Landstraßen, die erst in bizarrer Umgebung, in der Sierra an der mexikanischen Grenze, zum Stillstand kommt. Aus einem erbarmungslos geführten Kampf gehen keine Sieger hervor – nur Tote und Davongekommene.

„Vietnam“, so vor Jahren ein Kritiker, werde in diesem Roman „in Gestalt von drei Kilo Heroin in die Staaten hineingeschmuggelt wie ein Seuchenbazillus“. Aber es ist nicht nur das: Einen Gutteil ihrer Dynamik entfaltet diese Geschichte durch die Tatsache, daß ihre Haupthandelnden typisch amerikanische „Misfits“, also unangepaßte gesellschaftliche Randexistenzen, sind: Das „entwurzelte, emotional verkrüppelte Individuum, der „Soziopath“ als bedeutende Erscheinung des amerikanischen Lebens habe ihn, so Stone, immer wieder fasziniert.

Solche „Misfits“ sind Converse, seine Frau Marge sowie Hicks. Ziellosigkeit, das Sich-Ausliefern an den Augenblick wie an Drogen, gepaart mit Selbstverachtung; ethischer Relativismus und zerstörte Illusionen sind ihre Kennzeichen. Wenn man will, kann man hier das Religiöse durchscheinen sehen; das Verlangen nach einem Leben, das mehr ist als bloßes Überleben – in einer Gesellschaft, die das Individuum preist wie keine andere und in der dieses gleichwohl verloren sein kann wie nirgendwo sonst. Wolfgang Steuhl