Die außerordentliche Vielfalt der US-amerikanischen Literatur dürfte auch damit zusammenhängen, daß sich der amerikanische Nationalcharakter aus einer Mischung nahezu aller europäischer und etlicher außereuropäischer Kulturen entwickelt hat. Eine wichtige Rolle spielt zudem die Ausdehnung des Landes: Die Entfernungen zwischen der kanadischen und mexikanischen Grenze, zwischen San Francisco und New York, entsprechen Entfernungen wie der zwischen Hamburg und Teheran. Unter den verschiedensten klimatischen und geographischen Bedingungen finden bei einer solchen räumlichen Dimension natürlich die unterschiedlichsten Temperamente und Charaktere Platz. Und sie äußern sich zwar in einer Sprache, doch in den verschiedensten Tonfällen und Stilen.

Dennoch gibt es so etwas wie einen gemeinsamen amerikanischen Grundton, ein nationales timbre, das zuerst wohl der unvergleichliche Walt Whitman gefunden und angestimmt hat. Ezra Pound, einer der bizarrsten, widersprüchlichsten und zugleich wichtigsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, hat in seinem „Credo“, in Anlehnung an Whitman, diesen Grundton als „eine gewisse Sorglosigkeit oder Gelöstheit“ bezeichnet (die „Lässigkeit“ Whitmans); „ein Haß auf alles Muffige, eine Gabe, über Einzelheiten hinwegzusehen um des Ganzen willen; ein Denken in großen Räumen; der Mut, Angriffsflächen zu bieten.“ Wer sich dem schwierigen Werk Pounds nähern will, dem sei das vorzügliche „Ezra Pound Lesebuch“ empfohlen (dtv 10812, 12,80 DM). Eva Hesse, der wir zahlreiche kongeniale Übersetzungen aus dem Amerikanischen verdanken, hat es herausgegeben und mit einem biographischen Essay versehen.

Den Mut, Angriffsflächen zu bieten und den Haß auf alles Muffige teilten Upton Sinclair und Sinclair Lewis, zwei gesellschaftskritische Romanciers, die ihre größten Erfolge in den zwanziger Jahren hatten. Upton Sinclairs „So macht man Dollars“ (Rowohlt Jahrhundert 24, 18,80 DM; deutsche Erstausgabe 1931) beschreibt den Aufstieg eines skrupellosen Machtmenschen zum „Napoleon des Erdöls“, wobei besonders die Verflechtungen zwischen ökonomischen und politischen Machtverhältnissen aufgedeckt werden. Gegenüber Sinclairs Helden Jed Rusher erscheint J. R. Ewing als das, was er ist: ein TV-Abziehbild.

Upton Sinclair, beeinflußt von utopistischen Ideen, gründete 1906 das sozialistische Siedlungsmodell Helicon Home Colony, an dem sich auch sein Kollege Sinclair Lewis beteiligte. Als 1922 dessen Roman „Babbitt“ erschien (Rowohlt Jahrhundert 27, 19,80 DM; dt. EA 1930), war Lewis, mit Somerset Maughams Worten, drauf und dran, „zum meistgehaßten Mann Amerikas zu werden“. Der Haß aufs Muffige nämlich hatte in diesem Roman seinen radikalen Ausdruck gefunden. Der Name des Immobilienhändlers Babbitt, dessen engstirnige Doppelmoral von Lewis satirisch als Exempel amerikanischer Selbstzufriedenheit attackiert wurde, ging als Synonym in den amerikanischen Wortschatz ein: „Babbitt“ – das ist jenes zwischen Bigotterie und Größenwahnsinn schwankende Spießertum, das auch heute noch weite Teile der USA beherrscht – und gegen das bis heute die amerikanische Literatur anschreibt.

Einen markanten Gipfel in der Bergkette dieser Literatur bildet das Werk John Steinbecks, der 1962 den Nobelpreis erhielt. „Jenseits von Eden“ (dtv 10810, 19,80 DM; dt. EA 1953), der Roman Kaliforniens, läßt sich auch wie eine epische Umsetzung der Forderung Whitmans lesen, der Stoff der Literatur müsse aus dem Stoff des Landes erwachsen: Der Roman beginnt mit einer ausführlichen Schilderung des Salinas-Tales, in dem die großangelegte Familien-Saga spielt. Die Verfilmung des Buchs (mit James Dean in der Hauptrolle) blendete diese Dimension zwar weitgehend aus, verhalf dem Roman aber zum Welterfolg.

Steinbecks schönstes Buch ist aber, wie ich finde, „Von Mäusen und Menschen“ (dtv 10797, 6,80 DM; dt. EA 1940), ein stiller Roman über die recht- und landlosen Erntehelfer im Kalifornien der Großen Depression. Die Sprache dieses Buchs ist karg und zärtlich zugleich; es hat die Melodie eines Folk-Songs von Woody Guthrie.

Ken Kesey, dessen Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ dank der Verfilmung mit Jack Nicholson gleichfalls zu einem Weltbestseller wurde, hat in seinem zweiten Roman „Manchmal ein großes Verlangen“ (rororo 12205, 12,80 DM; dt. EA 1985) an die epische Tradition Steinbecks angeknüpft, erzählt eine Familien-Saga, holt jedoch zeitlich wie räumlich noch weiter aus als Steinbeck. Die Geschichte des Clans um den Patriarchen Hank Stamper ist das Epos von der Eroberung des Westens, von der Domestizierung des nur noch im Kino „Wilden“, von den um Land, – Recht und Identität betrogenen Indianern. Kesey, der auf einer Landkommune in Oregon lebt, hat auch diesen Achthundert-Seiten-Roman mit dem aggressiven Witz gewürzt, den schon sein „Kuckucksnest“ auszeichnete.