Neulich, an einem Sonnabendabend, teilte uns ein Rezensent im NDR über einen Romanautoren mit: „Er erzählt erst einmal, wie die Geschichte...“ – nun, was? In Gang kommt? Nein: „Wie die Geschichte in die Gänge kommt.“ In welche Gänge mag die Geschichte eingedrungen sein? Oder ob der Kritiker sich bloß ein bißchen kokett ausdrücken wollte, so wie der Dirigent Gerd Albrecht, als er in einem seiner berühmten „Gesprächskonzerte“ ein Stück des Komponisten Penderecki erläuterte? Er erwähnte da eine Stelle „in den Pizzen“. Als sich schon die Nase an den Vermutungen zu beteiligen anfing, sagte er, es handele sich um gewisse Pizzen in einer langen Pizzicato-Partie. Und dann sprach er auch nicht vom „Holz“, so wie Musiker salopp auch vom „Blech“ im Orchester reden, sondern von den „hohen Hölzern . Niemals hätte er auf die „tiefen Bleche“ hingewiesen, wir sind ja auch weder im Stahlwerk noch im Wald, obwohl die Sprache auch dort sich nicht leicht tut. Die Zeitschrift Holz aktuell zum Beispiel vermittelte ihren Lesern einen Überblick über die Herkünfte von Überseehölzern.

Wer schert sich schon noch darum, daß sich zwar Wörter (Laubholz), aber nicht generalisierende Begriffe (wie das Holz der Holzbläser) in den Plural versetzen lassen, und Abstrakta (wie die Herkunft) auch nicht. Da beklagte zum Beispiel unser Bundeswirtschaftsminister „geschrumpfte Spielräume“ – doch natürlich meinte er nicht verkleinerte kleine Kinderzimmer, in denen er sich dauernd blaue Flecken holt. Für die Frankfurter Rundschau wiederum erwies sich (in Norwegen) eine „Parlamentsmehrheit wegen interner Zanke als unfähig“. Und immer wieder wird über Zuwächse an Toten, Einkommen und Schulden sowie über die „angespannten Haushalte“ des Staates berichtet, wie es die ZEIT soeben tat. Dem Verkehr werden Bedarfe attestiert, und schon sind wir wieder bei den öffentlichen Händen angelangt. Warum sollte da ein Hamburger Innensenator nicht Polizeien aus Hamburg und Bremen in die Hafenstraße beordern, zumal da sich ein Hafenstraßenbewohner mit einem ebenso originellen Plural über „die Gefangenen in den Knästen“ revanchierte.

Unlängst redete uns ein flotter Forscher „unterschiedliche Sexualitäten an den Hals, pries eine Firma im ZDF ihre vielen tollen Honige, werden dauernd Gelder beansprucht, und in Tarifverhandlungen monierte jemand „die unterschiedlichsten Verdienste“ und meinte bloß Löhne – was tut’s, daß die Sprache dem Verdienst zwei Geschlechter zugewiesen hat. Vergessen.

Die Techniker mit ihrer wohlbekannten Sprachphobie (oder -faulheit) sind uns mit dem Plural weit voraus: mit ihren Stäuben und Wässern, mit ihren Hüben und Drücken. Jetzt behauptete ein Biochemiker, es hätten sich „die Eiweiße“ verändert, so wie der Trainer Bosch lauter verschiedene Tennisse beschwor, indem er sagte, er spiele „ein anderes Tennis als Boris“. Als jüngst der Reporter eines Fußballspieles ausrief, „da wird um jeden Ball gekämpft“, wollten wir schon staunen: Um Gottes willen, wie viele rollen denn da herum? Inzwischen gibt es schon den ganzen Sport in der Mehrzahl: Eine (deutsche) Zeitschrift nennt sich (englisch) Sports. Irgendwann – wetten? – setzt einer den Artikel davor und sagt: die Sports.

Und dann erst die Ängste! Alle leiden nur noch unter Ängsten. Das klingt weniger direkt als das elementare Bekenntnis: Ich habe Angst! Ängste mobilisieren erst einmal die Psychologen, die Angst womöglich gleich den lieben Gott – Paul Gerhardt zum Trotz. Als er in der neunten Strophe von „O.Haupt voll Blut und Wunden“ von des Gläubigen (Todes-)Ängsten singen ließ, tat er es nur, weil auf *„allerbängsten“ sich die Angst nun mal nicht reimt.

Nun wäre es ziemlich banal, über drohende Sprachchaosse zu jammern – da doch schon der Glaube an das eine Bewußtsein und an die eine Vernunft gestört ist. Im Radio sprach jemand von Risiko-Bewußtseinen, Botho Strauß von Vernünften. Der Singular, von den Spezialisten gespalten, verliert seine schöne Kraft. Manfred Sack