Von Heinz Josef Herbort

Kleines Lesestündchen vor dem ersten Konzert, Stühlchen im Einzelzimmer des Hotels Unter den Linden, das sichtbar, trotz der Bemühungen um ein weltstädtisches Entree, aus den Anfangsjahren des Aufbaus der Hauptstadt stammt:

„Mit der Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitags der SED sind gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zu gestalten, die bis in den Beginn des dritten Jahrtausends hineinwirken. Davon ausgehend, daß es gelingt, mit allen Erfolgen zugleich die Lösung der entscheidenden Frage, die der Erhaltung des Friedens zu befördern, wird in diesem von Dynamik geprägten Prozeß eine Höherentwicklung der sozialistischen deutschen Nationalkultur der DDR fest eingeschlossen sein.“

Aus den „Positionen und Überlegungen zur weiteren Entwicklung der sozialistischen Musikkultur der DDR“, zur öffentlichen Diskussion gestellt vom Ministerium für Kultur und dem Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR.

Von der Geschichte mit dem Frieden – wer wollte da widersprechen? – einmal abgesehen: Hätten Sie es nicht etwas kleiner, etwas weniger von Dynamik geprägt, dafür mit etwas mehr Gefühl für Begriffe, Stil, Grammatik? Wie sprachsensibel sind Komponisten und Musikwissenschaftler?

„Kunst ist, wie auf dem XI. Parteitag bekräftigt wurde, ‚ein unersetzbarer Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung und zur gesellschaftlichen Verständigung über die Hauptfragen des menschlichen Zusammenlebens im Sozialismus, über den Sinn und Wert des Lebens in unserer Zeit’... Im Ensemble der Künste... übt... die Musik mit ihren vielfältigen Funktionen und Gebrauchsmöglichkeiten großen Einfluß auf Denken, Empfinden und Handeln der Menschen aus. Sie vermag die geistig-ästhetische Erlebnisfähigkeit zu vertiefen, vermittelt auf spezifische Weise Einsichten, Haltungen, Sinn für Schönheit, Freude am Gedanklichen wie am Emotionalen. Mit der Fähigkeit musikalischen Erlebens und Genießens werden Wesenskräfte des Menschen aktiviert und bereichert.“

Also: Diese „Positionen und Überlegungen“ werde ich mir für später aufbewahren und doch lieber erst einmal die Musik selber hören.